OFFIZIELLES ORGAN DES ZENTRALKOMITEESDER KOMMUNISTISCHEN PARTEI KUBAS
Fidel-Portraits, gemalt von Guayasamin; von links nach rechts datieren sie aus den Jahren 1961, 1981, 1986 und 1996. (Foto: Stiftung Guayasamín)

Ich erinnere mich, dass eines Tages sehr früh in der kubanischen Revolution mitten in der Hektik der damaligen Zeit ein Mann mit einem indigenen Gesicht, zäh und unruhig, damals schon bekannt und bewundert von vielen unserer Intellektuellen, mich porträtieren wollte.

Zum ersten Mal unterwarf ich mich dieser Quälerei. Ich musste stehen und dabei stillhalten, wie er mich anwies. Ich wusste nicht, ob es eine Stunde oder ein Jahrhundert dauern würde.

Ich hatte noch nie jemanden gesehen, der sich so schnell bewegte, Farben, die wie Zahnpasta aus Aluminiumtuben kamen, mischte, umrührte, Flüssigkeiten hinzufügte, mit Adleraugen unablässig hinschaute, links und rechts blitzartige Pinselstriche auf eine Leinwand setzte, um dann wieder den Blick auf das erstaunte lebende Objekt seiner fiebernden Aktivität zu richten, dabei schwer atmend wie ein Athlet auf einer Sprintstrecke.

(...) Ich befand mich in nichts weniger als der Gegenwart eines großen Meisters und einer außerordentlichen Person, die ich später mit wachsender Bewunderung und tiefer Zuneigung kennenlernen sollte: Oswaldo Guayasamín. Er muss seinerzeit um die 42 Jahre alt gewesen sein.

Dreimal noch habe ich in über 35 Jahren das gleiche unvergessliche Erlebnis gehabt, das letzte Mal mehrfach. Er malte weiter auf die gleiche Weise, obwohl sein Sehvermögen bereits ernsthafte und für einen Maler wie ihn grausame Einschränkungen aufwies, unermüdlich und unaufhaltsam. Das letzte war ein Porträt mit einem Gesicht, das den vorherigen mehr oder weniger ähnlich war, und langen und knochigen Händen, die das Bild des Ritters von der traurigen Gestalt beschworen, den er, fast am Ende seines Lebens, noch in mir sah.

Guayasamín war vielleicht der edelste, klarste und humanste Mensch, den ich je gekannt habe. Er war schöpferisch mit Lichtgeschwindigkeit und seine Dimension als menschliches Wesen hatte keine Grenzen.

Aus Gesprächen mit ihm habe ich viel gelernt; Sie bereicherten mein Bewusstsein zum schrecklichen Drama der Eroberung, der Kolonisierung, des Völkermords und der Ungerechtigkeiten, die an den indigenen Völkern dieser Hemisphäre begangen wurden: ein zerreißender Schmerz, der in den Tiefen ihrer Gefühle wütete. Er war sehr gut informiert über die Geschichte dieses Dramas.

Ich fragte ihn eines Tages, als wir in seinem Studio in der Residenz hier in Quito waren, wie viele Leben von Indigenen seiner Einschätzung nach die Eroberung und Kolonisierung gekostet habe. Er antwortete mir sofort, ohne das geringste Zögern: 70 Millionen. Sein Durst nach Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für diejenigen, die den Holocaust überlebten, war die grundlegende Motivation für seine Kämpfe. Aber für ihn war es notwendig, um Gerechtigkeit nicht nur für die Indigenen, sondern für alle Völker Nord-, Mittel- und Südamerikas zu kämpfen, die iberoamerikanische Kolonien in dieser Hemisphäre waren, entstanden aus dem Schmelztiegel des Martyriums und der Vermischung von Tätern und Opfern, die zusammen mit den Nachkommen der versklavten Afrikaner und der Einwanderer aus Europa und Asien die heutigen lateinamerikanischen Gesellschaften bilden, in denen der rücksichtslose Raubbau, die Plünderungen und die Einführung einer unhaltbaren Weltordnung, destruktiv und völkermordend, binnen zehn Jahren durch Armut, Hunger und Krankheiten ebenso viele tötet wie die von Guayasamin erwähnten 70 Millionen im Laufe von Jahrhunderten.

(...) Nichts davon entging dem tiefen Denken, der Wärme und dem Gefühl für Menschenwürde von Oswaldo Guayasamín. Dem Herstellen von Bewusstsein, dem Anprangern, dem Kämpfen um zu überwinden weihte er seine Kunst und sein Leben.

(...) Ich kann seinen Mut, der den Zorn des Imperiums hervorrief, und sein soziales Engagement als Mann der Avantgarde bezeugen, der eng mit den Bescheidenen der Erde verbunden ist.

Fragmente der Rede, die Fidel bei der Einweihung der „Capilla del Hombre“(Kapelle der Menschheit) in Quito, Ecuador, am 29. November 2002 hielt