OFFIZIELLES ORGAN DES ZENTRALKOMITEESDER KOMMUNISTISCHEN PARTEI KUBAS
Arbeiter der kommunalen Dienste verschönern die Straßen, an denen die Krawane mit der Asche Fidels vorbeikommt. Photo: Yander Zamora

SANTIAGO DE CUBA – Wir müssen weit laufen vom Hotel, wo wir untergebracht sind, bis zur Plaza. Da ist Bewegung in den Straßen. Aber es ist eine bedächtige, mechanische Bewegung; eine Langsamkeit, die, wie es heißt, für Santiago nicht nornmal ist.

Die Stadt ist voller Menschen, Autos, Motorräder. Voller Armbinden und Gebäuden und Plakaten mit Helden. Man arbeitet. Man lernt. Aber trotzdem spürt man, dass eine extreme Stille.

So ist es auch bei Nereida Ibarra, mit der ich mich an der Tür ihres Hauses unterhalte. Sie gibt mir Kaffee. Ich bitte sie um ein Interview. Sie sagt, sie sei 72 Jahre und habe Lampenfieber und dass noch nie jemand sie interviewt habe. Ich sage ein (das) Wort: Fidel.

Dann spricht sie:

—    Ich habe seinen Tod ganz ehrlich so empfunden, als ob jemand aus der engsten Familie gestorben wäre. Ich habe jeden Tag um Gesundheit für Fidel gebeten, dass er weiter leben soll. Aber nun ...

„Ich stelle jeden Tag um fünf Uhr früh das Radio an und an diesem Tag habe ich ganz schnelle meinen Mann angerufen: Ah, Beto, Fidel ist heute Nacht gestorben. Und mir ging es sclecht, schlecht, so schlecht... Hast du nicht das Foto gesehen, das ich habe?“

Ich gehe ins Wohnzimmer. Sie zeigt mir das Foto.

„Ich habe dieses Foto hier an der Wand, ich habe es schon seit Jahren . Und ich stelle ihm immer sein Gläschen mit Wasser hin und seine Blumen, denn für mich war er der Größte.

Dieser Verlust trifft das Leben der Menschen, Stell dir vor, keiner hat das Radio an, keine Musik, nichts.

Und am 4. Dezember, wenn du hierher kommst, dann wirst du sehen, dass du hier gar nicht mehr durchkommst. Die Straße wird so voll sein, und alle werden ihn erwarten, wenn er vorbeizieht. Und ich, die ich direkt hier wohne, werde natürlich rausgehen, mich dort hinstellen und von da sehe ich alles. Aber man muss auch auf die Plaza gehen, zu der Ehrung, die dort gemacht wird.“

Überall schlägt einem Kaffeduft entgegen.

Fidel ist im Fernsehen.

Die Natur hätte ihn nicht mit sich nehmen sollen. Sie hätte ihn hierlassen sollen, damit er noch ein bisschen weiterlebt. Das ist zumindest, was ich fühle. Ich sage ihn das ganz ehrlich und offen. Ich habe nämlich schon vor der Revolution gelebt mit diesem Fürchterlichen, dem der damals an der Regierung war. Ich war noch ganz klein, aber ich habe diese Dinge nie vergessen. Der Batista so schlimm, wie er war. Aber mit der Revolution wurde alles gut.

Als der Comandante kam, ging es voran, voran und voran und es wurde besser und besser bis heute. Was ich hoffe ist, dass es so weitergeht, wie in den Jahren der Revolution, die ich erlebt habe.

Ich weiß, dass sich hier nichts ändern wird. Schwierig, Schwierig.... Das verändern? Bist du verrückt? Wenn die ganze Welt für Fidel gefühlt hat. Die Welt glaubt an die Revolution. Und ich, alt wie ich bin und mit alldem, was mir manchmal wehtut, wenn ich mit einer Pistole in der Hand in die Berge gehen muss, um Kuba zu verteidigen, dann kannst du ganz sicher sein, dass ich das tue.“

Von der Plaza bis zum Haus von Nereida muss man 500 Meter die Avenida Patria entlanggehen. Die Plaza ist einSkulpturkomplex mit einer großen Statue von Antonio Maceo. Ich sehe sie von weitem. Die Sonne scheint. Ich verabschiede mich. Auf dem Bürgersteig ist eine Gruppe von Männern mit Scheren und Schaufel damit beschäftigt, Unkraut zu entfernen.

„In diesen Momenten warten wir auf einen Wagen mit Pflanzen, der hier vorbeikommen soll und schon unterwegs ist, um sie hier einzupflanzen und die Avenida für die Durchfahrt der Karawane zu verschönern.... für Fidel, weil er das verdient. Ich hatte nie die Gelegenheit in persönlich zu treffen, aber für mich war er alles im Leben“, sagte mir Magdiel León Carrazana, einer der Arbeiter.

Er trägt einen blauen Overall. Er sagt, er sei Wartungstechniker für die Grünzonen in Diensten der Gemeinde Songo-La Maya. Er sagt, ich solle besser mit seiner Chefin sprechen.

„Wir arbeiten hier zusammen mit der Hygienabteilung, denn wir möchten, dass wenn Fidel hier vorbeikommt, dass er sieht, im Geiste sieht, dass wir hier arbeiten und weiter arbeiten werden und dass wir für ihn bis zum letzten gehen würden.“

Zenaida Lescay Casero ist Leiterin des Gemeindeunternehmens für Hygiene von Songo-La Maya. Sie ist dabei, mit einem Tuch um ihren Kopf gewickelt, das Unkraut wegzufegen.

„Wir sind um fünf Uhr morgens von La Maya aus aufgebrochen und wir werden hier sein, solange dies nötig ist. Denn wir wollen, dass alles gut ist. Fidel ist nämlich der einzige gewesen, der Licht in mein Leben gebracht hat und die Unterstützung gegeben hat, dass meine Tochter heute Ärztin ist.

Der Mann ist mein Idol. Und in meinem Volk, in der ganzen Welt. Man hört keine Murmeln. Alle haben geweint, von den Kindern bis zu den Alten.“

„Und weißt du was? Ohne Fidel wären wir nichts gewesen“, unterbricht sie Reynaldo Baralt Portuondo und mir gefällt diese Spontanität der Menschen in Santiago.

Reynaldo ist Leiter der kommunalen Dienste des Volksrats Mariana Grajales, zu dem ein Teil der Avenida Patria gehört. Reynaldo sagt uns, dass er 70 Jahre alt sei.

„Vor 1959 da gab es nur ein „Rette sich, wer kann“. Zu der Zeit war ich ein Kind, ich musste Schuhe putzen und Süßigkeiten verkaufen. Aber als Fidel kam, gingen die Kinder zur Schule und lernten, dass etwas aus ihnen wurde.

Deswegen schmerzt es mich so sehr, dass er gestorben ist. Ich hätte es vorgezogen selbst zu sterben ... aber gut, er hat uns seine Ideen hinterlassen. Die muss man erfüllen, um weiter voranzukommen.“

Jetzt ist die Plaza voller Stühle. Hunderte von Leuten bringen Beleuchtung an, probieren Mikrophone, verbinden Audio- Equipment. Da sind Autos der Elektrizitätswerke und Leute, die beobachten, überwachen.

Überall sind Plakate und Fahnen, die auf Halbmast gehisst sind.

Die Plaza sieht beeindruckend aus.

Ich frage mich, wie ist es möglich, dass soviele Menchen so still arbeiten.

„In diesem Moment sind wir dabei das Plakat: „Santiago: gestern rebellisch, immer heldenhaft“ anzustrahlen. Wir haben bereits die Beleuchtung bei dem Bild des Comandante angebracht“, erklärt mir Luis Manuel Duconger, Mitgliedr der Wartungs- und Propagandabrigade der PCC.

Bis vor zwei Minuten war er noch mit dem Aufbau eines Gerüsts beschäftigt.

„Santiago ist im Schmerz, voller Trauer. Aber gleichzeitig spüren wir die Kraft, weiter nach vorn zu schreiten. Wir sind noch nicht alle wieder aufgestanden, aber hier sind wir, dabei zu arbeiten um Fidel als den Größten zu empfangen, der Fidel ist.“

Es ist weit von unserem Hotel bis zur Plaza. Und es ist seltsam.

Ich kehre inmitten dieses mechanischen Schweigens zurück. Mit einer Beklemmung, die nicht weggehen will und einer ständigen Trauer, einer Lethargie, die so sagt man, für Santiago nicht normal ist.