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„Sie war ungemein arbeitsam und es gab nicht das geringste Detail, das ihrer Aufmerksamkeit entgangen wäre“, sagte Fidel von seiner Mutter (Foto: Büro für Historische Angelegenheiten

Sie hieß Lina. Sie war Kubanerin, aus dem Westen, aus der Provinz Pinar del Rio. Mit kanarischer Abstammung.

Auch bäuerlichen Ursprungs und von einer sehr armen Familie. Mein Großvater mütterlicherseits war Fuhrmann, transportierte Zuckerrohr auf einem Ochsenkarren. Als sie in die Gegend von Birán umzogen, kam sie, zusammen mit ihren Eltern, Brüdern und Schwestern, aus Camagüey, bis wohin sie auf der Suche nach einem besseren Leben mit dem Zug von Pinar del Rio aus gereist waren. Danach fuhren sie weite Strecken mit dem Karren, zunächst nach Guaro und schließlich bis Birán.

Ángel Castro und Lina Ruz, die Eltern Fidels (Foto: Büro für Historische Angelegenheiten)

Meine Mutter war praktisch Analphabetin und wie mein Vater auch lernte sie fast alleine zu lesen und zu schreiben. Mit viel Mühe und großem Willen. Niemals habe ich sie davon reden hören, dass sie auf eine Schule gegangen sei. Sie war Autodidaktin. Ungemein arbeitsam; es gab nicht das geringste Detail, das ihrer Aufmerksamkeit entgangen wäre. Köchin, Ärztin und Aufpasserin zugleich, versorgte sie uns mit allem, was wir benötigten und war unser tägliches Tränentuch bei allen möglichen Problemen.

Sie verzärtelte uns nicht, forderte Ordnung, Sparsamkeit, Hygiene ein. Verwaltete den Alltag innerhalb und außerhalb des Hauses, war die Wirtschafterin der Familie. Niemand weiß, woher sie die Zeit und Energie für so viele Aktivitäten nahm. Sie setzte sich nie hin. Ich habe sie nie auch nur eine Sekunde am Tag ausruhen sehen.

Sie brachte sieben Kinder zur Welt, alle in diesem Haus geboren, immer unter Mitwirkung einer ländlichen Hebamme. Weder war je ein Arzt dabei, noch hätte einer dabei sein können. Es gab keinen in dieser abgelegenen Region. Niemand war wie sie dahinter her, dass ihre Kinder lernten. Sie wollte für sie das, was sie selber nicht gehabt hatte. Ohne sie wäre ich, der ich doch immer Freude am Studium gehabt habe, heute ohne Zweifel ein funktionaler Analphabet. Meine Mutter, obwohl sie es nicht ständig zeigte, vergötterte ihre Kinder. Sie hatte Charakter, war mutig und selbstlos. Sie wusste mit Integrität und ohne zu zögern die Leiden zu ertragen, die einige von uns ihr unwillentlich aufbürdeten.

Lina in ihrem Haus in Birán (Foto: Büro für Historische Angelegenheiten)

Sie akzeptierte ohne Bitterkeit die Agrarreform und verteilte jene Ländereien, die sie zweifellos liebte.

Äußerst religiös in ihrem Glauben und ihren Überzeugungen, die ich stets respektierte, fand sie Trost in ihrem Schmerz als Mutter und akzeptierte auch mit der Liebe einer Mutter die Revolution, für die sie so gelitten hatte, ohne in ihrer Herkunft als bescheidene arme Bäuerin die geringste Chance gehabt zu haben, die Geschichte der Menschheit und die tiefen Ursachen zu kennen, die in Kuba und der Welt jene Ereignisse bewirkten, die aus solch großer Nähe zu erleben ihr Los war.

Sie starb am 6. August 1963, dreieinhalb Jahre nach dem Sieg der Revolution.