OFFIZIELLES ORGAN DES ZENTRALKOMITEESDER KOMMUNISTISCHEN PARTEI KUBAS

Aber die Definition oder die revolutionäre Option und ihre praktische Existenz gehören nicht exklusiv einer Partei oder einer soziale Klasse, aber sehr wohl einer Epoche. Denn die Bürger waren zu ihrer Zeit Revolutionäre. Die antikoloniale Bewegung in der Ära des Imperialismus hatte in der Regel einen revolutionären Charakter. José Martí schuf die Revolutionäre Partei, um die Unabhängigkeit Kubas zu erreichen und man spricht von der notwendigen Revolution, die man in die Wege leiten müsse, wenn man einmal die Macht erlangt habe. Deswegen würde ich mich gern auf die kubanische Tradition des Begriffes beziehen. Cinto Vitier z.B. nahm die Risiken der Reduzierung auf sich, die jede Zusammenstellung mit sich bringt, und spricht von zwei „spirituellen“ Tendenzen im letzten Drittel des XIX. Jahrhunderts: der revolutionären und der reformistischen.

Sicher ist, dass Revolution Erschaffung bedeutet, Sprung über einen Abgrund oder über die Mauer einer scheinbaren Unmöglichkeit - „Seien wir Realisten, machen wir das Unmögliche“, sagten die Studenten 1968 in Paris, aber von Lateinamerikas aus gesehen bedeutet es vor allem Partei zu ergreifen „für die Armen der Erde“. Wenn wir José Martí als Modell eines Revolutionärs nehmen, beobachten wir drei Eigenschaften, die sich bei Fidel Castro wiederholen:

  1. Die ethische Option kommt vor der theoretischen: Man übernimmt eine Theorie um gegen die Ausbeutung zu kämpfen und nicht umgekehrt. Es ist die Berufung zur sozialen Gerechtigkeit. „Jeder wahre Mensch muss auf seiner Wange den Schlag spüren, den irgendein anderer Mensch auf seine Wange erhält“, schrieb Martí. „Der wahre Revolutionär wird von großen Gefühlen der Liebe geleitet“, bemerkte Ernesto Che Guevara. „Es ist gerade der Mensch, der Mitmensch, die Hingabe an den Mitmenschen, was das Ziel der Revolutionäre ausmacht“, hat Fidel Castro gesagt. (...)

Es gibt Revolutionäre, denen die marxistische Theorie unbekannt ist. Und es gibt marxistische Akademiker, die jede Schrift, jeden Satz von Marx genau kennen, die niemals auf die Straße gegangen sind, die unfähig sind, den Schmerz oder den Jubel anderer mitzufühlen, die nicht aktiv sind. Diese „marxistischen“ Akademiker sind keine Revolutionäre. Sie sind auch keine Nachfolger von Marx. Eine gestaltende und fördernde Triebfeder einer Revolution ist die Solidarität.

2. Radikalität in Wort und Tat. Der Revolutionär sucht die Wurzel des Problems und auch wenn er sie nicht sofort ausreißen kann, auch wenn er sich bei ihrem Aufzeigen irrt, schreitet er schnell zur Tat. Im Unterschied zum Reformisten, beabsichtigt er nicht den Schmerz abzuschwächen oder zu verdecken, sondern die Krankheit auszurotten.

3. Der Revolutionär ist ein Mensch des Glaubens. Nicht im religiösen Sinne. Es gibt keine bessere Erklärung als die Martís (wieder einmal Martí) an seinen Sohn in der Widmung zum Ismaelillo: „Ich glaube daran, dass der Mensch besser wird, ich glaube an das zukünftige Leben, an die Nützlichkeit der Tugend und an dich“. Glaube an das Volk und dessen Fähigkeiten. Der Revolutionär weiß um die offensichtlichen Beschränkungen des Möglichen und er überschreitet sie, weil er an das Volk glaubt. Darin unterscheidet er sich auch vom Reformisten, der aus Gründen, die die Klasse bedingt, dem Volk misstraut und es unterschätzt. Glaube bedeutet nicht, jeden Zweifel auszumerzen. Die Revolutionäre leben mit der Qual des Zweifels, der dem Wissen enspringt. Demgegenüber ist der Konterrevolutionär zynisch, auch wenn er es nicht weiß.

Einige Ideologen der Konterrevolution reduzieren die revolutionäre Haltung auf die gewaltsamen Aktionen, die Benutzung von Waffen. So, als ob die bewaffneten Revolutionen nicht als Antwort auf die Gewalt der bürgerlichen Macht erfolgten. Radikal sein – zu den Wurzeln gehen – bedeutet nicht, für die Gewalt zu optieren. In ihrem Trachten, das Konzept der Revolution selbst zu desideologisieren, wollen sie uns die gewaltsamen Ausschreitungen der Politikerkaste der Pseudo-Republik, denen es nur um persönliche Macht ging, als revolutionäre Handlungen verkaufen. Nicht einmal die, die gegen Machado oder Batista gekämpft haben, waren notwendigerweise Revolutionäre. Sie setzen dem revolutionären Sozialismus das gegenüber, was sie „demokratisch“ (sozialdemokratisch) nennen, weil jener nicht die bürgerliche Ordnung respektiert. Der Sozialismus kann nicht nur, sondern er muss demokratisch sein, allerdings nicht in dem Sinn, wie das kapitalistische System diesen Begriff anwendet. Er soll und kann partizipativer, inklusiver, solidarischer und repräsentativer sein. Er soll und kann die Individualität verteidigen, nicht den Individualismus, denn der Sozialismus ist der einzige Weg, der in der Lage ist, die Massen in Kollektive von Individuen zu verwandeln.

Bestimmte Qualitäten und ethische Tugenden bilden das Fundament oder die Basis, worauf sich ein Revolutionär gründet. Aber es ist eine essentiell politische Ethik, keine private, die man nicht von den grundsätzlichen Widersprüchen der Epoche loslösen kann. Man ist nicht aufgrund von persönlichen Interessen revolutionär, sondern mit dem Angesicht hin zur Gesellschaft gewandt. Es gibt konservative Personen, die – aus biographischen oder wer weiß welchen genetisch bedingten Gründen – plötzliche Veränderungen, die Ungewissheit des Neuen scheuen, die die Ordnung und die Routine schätzen. Sie sind keine Konterrevolutionäre. In seinen Worten an die Intellektuellen (1961) sagte Fidel Castro: „Keiner ist je davon ausgegangen, dass jeder ehrliche Mensch, nur weil er ehrlich ist auch revolutionär sein muss. Revolutionär sein ist auch eine Lebenseinstellung, revolutionär sein ist eine Positionierung zur bestehenden Realität. (...)“ und später fügte er hinzu: „Es ist möglich, dass die Männer und die Frauen, die eine wirklich revolutionäre Haltung angesichts der Realität haben, nicht den größten Teil der Bevölkerung ausmachen; die Revolutionäre sind Avantgarde des Volkes, aber die Revolutionäre müssen bestrebt sein, zusammen mit dem ganzen Volk zu marschieren (...) die Revolution darf niemals darauf verzichten, auf die Mehrheit des Volkes zu zählen, nicht nur auf die Revolutionäre zu zählen, sondern auf alle ehrlichen Bürger, die, auch wenn sie nicht revolutionär sind, d.h. auch wenn sie dem Leben gegenüber keine revolutionäre Haltung einnehmen, auf ihrer Seite stehen. Die Revolution muss nur auf die verzichten, die unverbesserlich reaktionär, die unverbesserlich konterrevolutionär sind.“

Dort, wo eine Revolution gesiegt hat, verwandelt sich das Adjektiv, das in der globalisierten Welt der bürgerlichen Herrschaft als Beleidigung verwendet wird, in eine Anerkennung. Eine Person ist fleißig, „ein guter Mensch“ und revolutionär. Der Alltag kann das rebellische Substrat und die politische Bedeutung des Begriffs herausnehmen und den Charakter des Revolutionärs auf Ehrlichkeit und Anständigkeit reduzieren. Manchmal, wenn die Revolution die Macht übernommen hat, identifiziert man sie mit gutem Verhalten oder Korrektheit. Wir sagen: „Im Grunde ist er/sie revolutionär“, als ob wir sagen wollten, über den Anschein hinaus „handelt es sich um eine ehrbare Person“. Wir glauben, dass das Kind oder der Jugendliche „am revolutionärsten ist“, der ein „gutes Verhalten“ an den Tag legt. In gewissem Sinne   verbürgerlicht sich das Attribut. Dies scheint fast unvermeidlich, aber das ist es nicht: Eine Revolution an der Macht muss ihre „Normalität“, ihre Regierbarkeit etablieren. Sich als politische Macht zu verteidigen ist die Prämisse jedweder politischen Macht, umso mehr wenn es sich um eine Gegenmacht handelt, die von der Weltmacht eingekreist wird, die ihr nicht nur in physischer Hinsicht auflauert (materiell, militärisch), sondern auch in spiritueller, im Bereich der Wiedergabe von Werten, durch die die A todos los cerca la historia y, de sus actos múltiples, solo perdura el instante de eticidad fundadora que sostiene a la Patria Normalität der Gegenmacht außerhalb ihrer geographischen Grenzen eine Anomalie darstellt. Revolutionär sein bedeutet, sich an der Konsolidierung der revolutionären Regierung zu beteiligen, mit der Regierung eine gemeinsame Front aufzubauen, um jede Eroberung zu verteidigen und neue Ziele aufzustellen, auch wenn der Grad an Mitwirkung bei der Festsetzung dieser Ziele noch nicht ausreichend ist oder auf formale Weise ausgeübt wird. Die sozialistische Demokratie, die wesentlich höher anzusiedeln ist, muss noch eine lange Strecke durchlaufen. Revolutionär sein bedeutet auch, mit engagierter Kritik daran teilzunehmen. Kritik zu üben heißt nicht, eine unwiderlegbare Tatsache auszusprechen, sondern entsprechend zu handeln und sie einer Lösung zuzuführen. Das, was einer Kritik Glaubwürdigkeit und Richtigkeit verleiht, ist nicht die ausgesprochene Tatsache, sondern ihr Sinn. Wenn man die Kritik entideologisiert, nimmt man ihr den Kern und verfälscht ihre Aussage.

Fast nicht wahrnehmbar verläuft ein langsamer Prozess der Trennung oder Destillierung des „rebellischen“ Inhalts, den jede revolutionäre Haltung voraussetzt. Das ist nicht gut. Es kommen dann jene, die das Rebellentum auf ihre Fahnen schreiben und es dem Revolutionärsein entgegensetzen – ein altes Bestreben der imperialistischen Subversion: das antirevolutionäre Rebellentum fördern, was nichts anders heißt, als dass die Rebellen die Anti-Rebellen sind, jene, die danach trachten „normal“ zu sein, nicht in Übereinstimmung mit der Rebellion, aber einverstanden mit der globalen Entfremdung oder ihren Antipoden, jene, die der Auffassung sind, dass rebellisch zu sein das wahre Revolutionärsein ausmacht. Letztere können den Orientierungssinn verlieren, denn Rebellion allein, gewöhnlich vom kapitalistischen Markt manipuliert, kann auf eine lange Geschichte der Koexistenz zurückblicken und machmal der Koexistenz mit dem Kapitalismus. Die jugendliche Rebellion ist kein Feind des revolutionären Geistes und darf dies auch nicht sein. Revolutionär zu sein ist eine höhere Form des Rebellischseins. Ohne die Unzufriedenheit, die die Rebellion antreibt und ohne die Bereitschaft, mit Formen, Normen und Schemata zu brechen, ist es schwierig, revolutionär zu sein. Die kubanischen Universitäten können nicht „von den Revolutionären oder für die Revolutionäre sein“ sondern müssen Zentren zur Formung von Revolutionären sein. Aus ihren Vorlesungssälen kamen Mella und Fidel hervor. Der Kapitalismus (die Kultur des Habens) möchte die Rebellion zähmen, indem er ihre Primärformen fördert: die Respektlosigkeit und die Pietätlosigkeit; er sucht den Rebellen zu isolieren, ihn auf sich selbst zu konzentrieren, seine individualistische Ausdrucksform optimal auzubeuten, ihn in einen Zyniker zu verwandeln. Der Sozialismus (die Kultur des Seins) möchte diese Rebellion in eine umwandlerische Aktion kanalisieren, sie in Großbuchstaben setzen, sie an den gerechtesten Anliegen ihrer Epoche beteiligen.

Ich wohne im Viertel Colón mitten im Havanna und viele Menschen in meiner Umgebung müssen sich mit konkreteren und direkteren Feinden auseinandersetzen als dem US-Imperialismus, so scheint es zumindest, wenn sie mit Korruption, Bürokratie, Doppelmoral, mangelnder Sensibilität und dem „Rette sich, wer kann!“ konfrontiert werden. Wie sie glaube ich, dass dies der Hauptfeind ist. Aber wir dürfen seinen Namen nicht verwechseln: Es handelt sich um den Kapitalismus, um seine Fähigkeit, sich innerhalb des Sozialismus zu regenerieren, der nichts weiter ist als ein Weg (kein Ort, an dem man ankommt) zu einem anderen Ort, zu einer anderen Hoffnung oder der Gewissheit eines besseren Lebens. Wenn wir diesen Namen von jenen Ausdrucksformen entkoppeln oder sie irrtümlicherweise mit dem sozialistischen Weg in Verbindung bringen, den wir in Angriff genommen haben, verlieren wir die Richtung. Wir können heute in dieser globalisierten Welt nicht revolutionär sein, wenn wir nicht antikapitalistisch, wenn wir nicht antiimperialistisch sind. Wenn wir die Eroberungen, die Gefahren, die Demütigungen anderer Völker nicht als unsere eigenen empfinden. Wenn wir nicht die Einheit der kubanischen Revolutionäre und die der Völker Lateinamerikas gegenüber dem Imperialismus verteidigen. Wir können nicht Revolutionäre sein, wenn wir glauben, dass die Welt so groß und so breit wie unsere Straße, unser Wohnviertel oder unser Land ist. Wenn wir den Konsens akzeptieren, den andere getroffen haben, finden wir nicht den unseren. Wenn wir jedes Wort seines kämpferischen Inhalts entleeren, das dann sofort von denen, die uns bekämpfen, mit andern Inhalten gefüllt wird.

Martí, Mella, Guiteras, Che und Fidel gleichen sich so sehr, dass die Frage der Generationen außen vor bleibt. Sie haben nie aufgehört jung zu sein. Die Aufgaben, die Koordinaten verändern sich, aber nicht die Haltungen, die Prinzipien, die Horizonte, denen wir uns immer annähern ohne anzukommen. Auf der anderen Seite ist niemand, der einmal Revolutionär war, dies für immer. Man muss jeden Tag aufs Neue als Revolutionär geboren werden. Die Rolle ist weder vorherbestimmt noch unveränderlich: Der Held von 1868 konnte sich zwanzig Jahre später in einen Verräter verwandeln; der Unentschlossene von damals hat vielleicht 1895 mit Würde gekämpft; der Krieger, der im Kampf Mut gezeigt hat, konnte sich von der korrupten neokolonialen Macht verführen lassen; derjenige der engagiert gegen Machado gekämpft hat, kann die Ideale seiner Jugend aufgeben oder sich berufsmäßig der Gewalt verschreiben; der Revolutionär der Berge oder der Ebene kann es sich bequem machen oder sich im Netz der Bürokratie verstricken, der Skeptiker jener Tage kann sich in einen glühenden Kämpfer, einen unsichtbaren Helden des Alltags verwandeln; der jugendliche Führer, der sich auf den Balkon des vorbildlichen Verhaltens und des Beifalls stützt, kann sich in jemanden verwandeln, der nur leere Phrasen wiederholt und der berufsmäßige Rebell kann wachsen, bis er zum Revolutionär wird. Zwischen den einen und den anderen, verkleidet, befinden sich die Opportunisten, die „Pragmatiker“, die Zyniker, die es schon immer gab. Sie alle werden von der Geschichte umschlossen und von allem überdauert nur der Moment der das Vaterland aufrechterhaltenden Ethizität der Gründung. „Diese Sonne der moralischen Welt“, die die Menschen erleuchtet und definiert, nach einem Satz, den Cintio von José de la Luz y Caballero übernommen hat. Ein Vaterland, dass Menschheit ist, das nicht in einigen Brauchtümern begründet ist, die sich immer verändern, sondern in einem kollektiven Projekt der Gerechtigkeit. Ein Vaterland, das danach strebt, mit der Menschheit zu verschmelzen und währenddessen seinen Raum verteidigt, um die volle Würde aller seiner Männer und Frauen zu begründen, zu schaffen und zu schützen.