OFFIZIELLES ORGAN DES ZENTRALKOMITEESDER KOMMUNISTISCHEN PARTEI KUBAS
Interview, dass der spanische Intellektuelle, Politiker und Kommunikator Pablo Iglesias mit dem kubanischen Präsidenten Miguel Díaz-Canel Bermúdez führte. Foto: Cubadebate entnommen

Miguel Díaz-Canel Bermúdez, Erster Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas und Präsident der Republik, gab kürzlich dem spanischen Politikwissenschaftler Pablo Iglesias Turrión ein Interview auf der digitalen Plattform Canal Red, das in der Sendung „Mesa Redonda“ ausgestrahlt wurde.
Im Mittelpunkt des Gesprächs standen die aktuelle Lage in Kuba, die Auswirkungen der von der US-Regierung verhängten Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade sowie jüngste internationale Solidaritätsbekundungen. Das Gespräch bot Einblicke in die internen und externen Herausforderungen, vor denen der Karibikstaat steht, sowie in die Haltung der Regierung zur humanitären Flottille, die in den letzten Tagen angekündigt wurde.

Pablo Iglesias: Die Faschisten, die heute in den Vereinigten Staaten an der Macht sind, haben von ihren nationalsozialistischen Vorbildern sehr gut das Goebelsche Prinzip gelernt, dass eine tausendfach wiederholte Lüge zur Wahrheit werden kann

Miguel Díaz-Canel: Wir sind Ihnen sehr dankbar für diese Gelegenheit, mit der europäischen und der spanischen Öffentlichkeit zu sprechen, denn diese Wahrheiten werden durch Medienmanipulation, durch dieses Narrativ aus Lügen und Verleumdungen, ständig untergraben.

DER PALAST DER REVOLUTION

Díaz Canel:  Pablo, wir betreten den Revolutionspalast, einen Ort, an dem die Spuren des Comandante en Jefe Fidel Castro Ruz noch heute spürbar sind. Dies war sein Arbeitsplatz, der Ort, an dem er Delegationen empfing und wichtige Treffen abhielt. Er ist im Alltag, insbesondere in diesen schwierigen Zeiten, stets ein Bezugspunkt.

Pablo Iglesias: Ich hätte gern eine Erklärung dazu, denn hier gibt es einige Pflanzen und Steine, die nicht nur dekorativ sind.

Miguel Díaz-Canel: Das ist eine sehr feine Beobachtung deinerseits. Fidel hatte in der Sierra Maestra eine Mitstreiterin, Celia Sánchez, eine der Heldinnen der Revolution, die viele Jahre lang seine Mitarbeiterin war. Celia besaß ein besonderes Gespür für die kubanische Kultur und Identität und wollte, dass Fidel und Raúl in diesem Raum einen Bezugspunkt zur Sierra Maestra fanden. Daher wurden diese Steine ​​aus der Sierra Maestra herbeigeschafft, und dies ist die Vegetation der Sierra Maestra, jenes Gebirges, in dem die Rebellenarmee ihre Offensive gegen Batistas Tyrannei startete. Jeder, der hierher kommt, ist von der Vegetation fasziniert; es ist ein einzigartiger Palast, ein Palast mit seiner eigenen Vegetation, mit seinen eigenen Steinen, und ich denke, er verkörpert ein Stück kubanischer Identität.

EINE WEITERE SONDERPERIODE

Pablo Iglesias: Miguel, Kuba steht im Rampenlicht wegen einer Situation, die, wie mir alle sagen, furchtbar ist. Ich war 1994 zum ersten Mal hier, mitten in der Sonderperiode, und die Leute sagten mir: „Man könnte sagen, wir befinden uns jetzt in einer neuen Sonderperiode.“ Diese Beobachtung ist berechtigt.

Miguel Díaz-Canel: Nun, Pablo, ich denke, wir befanden uns schon immer in einer schwierigen Lage. Ich gehöre zum Beispiel zu einer Generation, die in den frühen Jahren der Revolution geboren wurde. Ich bin 1960 geboren. Ich wurde am Tag nach dem Sieg in Playa Girón ein Jahr alt, und 80 % der kubanischen Bevölkerung wurden nach der Revolution geboren. Wir sind also Generationen, die unter der Blockade geboren wurden. Meine Kinder wurden mit der Blockade geboren. Die Kinder unserer Generation, unsere Enkelkinder, wurden ebenfalls unter der Blockade geboren und haben ihr Leben bis heute unter den Bedingungen der Blockade verbracht. Die Auswirkungen der Blockade hängen auch stark mit der Zeit vor der Sonderperiode zusammen.

Deine Erfahrungen in Kuba in den 1990er Jahren – es gab einen sozialistischen Block, der Kuba massiv unterstützte, das können wir nicht leugnen. Dann brach dieser Block zusammen. Unter den Bedingungen der Sonderperiode, inmitten dieser Blockade, mussten wir kreativ sein, neue Wege gehen und vorankommen. Dann kamen Zeiten, in denen die Beziehungen zu Venezuela, die Bolivarische Revolution und die Unterstützung Chinas, Vietnams und anderer Länder uns einen Wandel ermöglichten. Doch es gibt einen Wendepunkt: das Jahr 2019, die erste Phase der Trump-Administration.

ERSTE PHASE DER TRUMP ADMINISTRATION

Miguel Díaz-Canel: Ende 2019, in der zweiten Jahreshälfte, verschärfte die Trump-Regierung die Blockade. Anders ausgedrückt: Die Blockade nahm einen qualitativ anderen Charakter an. Es handelte sich um eine Verschärfung. Warum sprechen wir von Verschärfung? Weil Titel III des Helms-Burton-Gesetzes erstmals angewendet wurde und die Blockade dadurch internationalisiert wurde. Die Blockade ist eine Politik des Zwangs, des maximalen Drucks, die die Vereinigten Staaten einseitig gegen Kuba anwenden. Mit dem Helms-Burton-Gesetz wird sie jedoch internationalisiert, da die Beschränkungen und Sanktionen – der Druck – nun auch auf andere Drittparteien ausgedehnt werden, die in Handels- oder Finanzbeziehungen mit Kuba stehen.

Es handelt sich um ein Gesetz, und dieses Blockierungsgesetz widerspricht den Grundprinzipien des Kapitalismus und Imperialismus, die vom freien Markt sprechen (in Klammern). Es ist völlig absurd, ja geradezu abwegig und pervers. Sehr pervers. Erstens, weil es auf Verleumdung, Lügen und Doppelmoral beruht. Was man uns vorwirft, wird anderen nicht vorgeworfen. Was für uns inakzeptabel ist, ist für andere akzeptabel. In diesem Fall greift Kapitel 3 des Helms-Burton-Gesetzes, das uns auch auf eine Liste von Ländern setzt, die angeblich Terrorismus unterstützen. Sobald diese Liste angewendet wird, werden alle Finanzgeschäfte eingestellt. Die meisten Banken vergeben keine Kredite mehr, und Finanztransaktionen werden äußerst kompliziert.

All dies äußerte sich in finanzieller und energetischer Verfolgung. Deshalb bezeichne ich dies als Wendepunkt, denn von da an verschlechterte sich die Lage zusehends. Die heutige Situation hat sich über Jahre hinweg zugespitzt und wurde durch die Anordnung des Präsidenten, die Ereignisse in Venezuela und die aktuelle Haltung der Trump-Regierung weiter verschärft. Damals wurden unsere wichtigsten Devisenquellen abgeschnitten. Exporte wurden stark erschwert, der Tourismus kam zum Erliegen, und US-Bürgern – darunter auch in den USA lebenden Kubanern – wurde die Einreise verboten. Ein bedeutender Tourismusstrom und damit wichtige Einnahmequellen brachen weg.
Ohne Zugang zu diesen Devisen bekamen wir Probleme, den benötigten Brennstoff für Ersatzteile zu beschaffen und unser Stromnetz instand zu halten. Dieses bestand aus Wärmekraftwerken, die zudem veraltet und überlastet waren. Es kam zu Engpässen bei Lebensmitteln und Medikamenten, zu Transportproblemen und zur Lähmung eines Teils unserer Wirtschaft.

Pablo Iglesias: Und all das hat eine sehr bedeutende Auswirkung... Ich möchte danach fragen, weil es natürlich viele Leute gibt, die sagen: Nun ja.

BLOCKADE KUBAS; WIR SIND TEIL DESSELBEN VOLKES

Pablo Iglesias: Dies sind Maßnahmen gegen die kubanische Regierung, gegen eine soziale Regierung. Doch was bedeutet das für die Bevölkerung? Wirtschaftskrieg, eine Blockade und nun praktisch kein Treibstoff, kein Öl. Was bedeutet es für das Leben der kubanischen Männer und Frauen, dass das Öl nicht ankommt?

Miguel Díaz-Canel: Du sprichst hier mehrere Punkte an, die einer Klarstellung bedürfen. Erstens: Mit dem Versuch, zu behaupten, die Maßnahmen träfen die Regierung und nicht die Bevölkerung, wird versucht, Regierung und Volk zu spalten. Ich bin Teil des Volkes. Ich wurde nicht in eine Elite hineingeboren. Ich stamme nicht aus einer Elitefamilie. Ich bin in einer Arbeiterfamilie geboren. Meine Mutter war Grundschullehrerin auf dem Land, mein Vater arbeitete in einer Brauerei, und so sind auch die Führungskräfte. Wir sind Teil des Volkes. Warum dieser Versuch, das Volk vom Staat oder der Regierung, von der Führung, zu trennen? Wir alle gehören zum selben Volk.

Unsere Kinder, unsere Familien, gestalten ihr Leben gemeinsam, wie alle anderen auch. Wir fühlen uns dem Volk zugehörig, wir leiden mit ihm unter seinen Problemen, aufgrund unserer Verantwortung als seine Repräsentanten. Es gibt also einen grundlegenden Rahmen, denn man darf nicht vergessen, dass all dieser wirtschaftliche Zwang und diese Politik des maximalen Drucks auch eine ideologische Komponente haben.
Sie verteidigen also die Hegemonie einer Macht, die diese auf extreme Weise gegen eine kleine Insel ausüben will. Doch es gibt auch eine mediale Komponente der toxischen Manipulation, und es gibt all diese unterschiedlichen Schattierungen der Medienmanipulation, die sie zu etablieren versuchen. Mit anderen Worten: Die Blockade betrifft alle. Wie wirkt sie sich auf die Regierung aus? Es schmerzt uns sehr, dass wir, unsere Träume, Programme und Projekte zum Wohle des Volkes nicht wie gewünscht vorankommen können. Es belastet uns zu sehen, wie die Menschen darunter leiden.

KREATIVER WIDERSTAND

Pablo Iglesias: Aber, damit die Leute es verstehen, dass es beispielsweisenoch keine Studenten gibt, die nicht an die Universität gehen können, dass es Krankenhäuser gibt, die... diese Extreme haben wir noch nicht erreicht.

Miguel Díaz-Canel: Ich sage immer, es gibt ein Konzept des kreativen Widerstands, bei dem es nicht nur darum geht, die Schläge der Blockade zu ertragen, sondern auch darum, inmitten dieser Situation zu wachsen und voranzukommen. Wir organisieren uns also ständig neu, aber es gibt definitiv Auswirkungen. Zum Beispiel auf den Alltag: Man muss ohne Strom schlafen. Es ist ein heißes Land; Kinder schlafen schlecht und müssen morgens früh aufstehen, um zur Schule zu gehen. Wir haben organisatorische Maßnahmen ergriffen; jeder kann zur Schule kommen. Wenn es in diesen Zeiten, in denen es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt, ein Problem mit den Entfernungen gibt und dann noch ein weiteres Problem auftaucht, wie kommt man dann von A nach B? Wie kommt man zur Arbeit? Wie kommt man zur Schule? Wie bringt man seine Kinder zur Schule?

 Dann beginnen man sich zu organisieren, und mancherorts haben wir die Rahmenbedingungen verändert. Der Schulunterricht verlagert sich in die Gemeinden- auf die lokale Ebene, wo er neu organisiert wird, der Lehrplan aber fortgeführt wird. Universitäten haben den Präsenzunterricht für reguläre Kurse auf Semipräsenz umgestellt, wodurch Studierende mit den Problemen der Gemeinden  in Kontakt kommen und das Potenzial verschiedener Institutionen genutzt wird. Ihre Ausbildung wird dort fortgesetzt. Wir verfügen über ein Gesundheitssystem, das Epidemien bewältigen kann, wie wir es bei COVID-19 getan haben, das wir erfolgreich eindämmen konnten.

DIE FOLGEN DER BLOCKADE FÜR GESUNDHEIT UND BILDUNG

Pablo Iglesias: Außerhalb Kubas wissen es viele Leute nicht, aber ihr habt euren eigenen Impfstoff geschaffen.

Miguel Díaz-Canel: Wir gehören zu den wenigen Ländern, die fünf Impfstoffkandidaten entwickelt haben. Drei davon wurden zu Impfstoffen. Ich werde Ihnen erklären, warum, denn das hängt eng mit dem Konzept der kreativen Resilienz zusammen. Die Gesundheit ist ein zentrales Thema. Aktuell stehen über 120.000 Menschen auf der Warteliste für Operationen, weil wir Notfälle behandeln mussten, weil es in den Krankenhäusern und Operationssälen keinen Strom gibt und weil uns die nötigen Materialien für alle Operationen fehlen. Unter normalen Umständen, selbst bei einer weniger gravierenden Blockade als der aktuellen Energieblockade, führen wir diese Operationen jedoch durch. Selbst unter diesen Bedingungen erreichen unsere Säuglings- und Müttersterblichkeitsraten sowie unsere Gesundheits- und Bildungsindikatoren ein Niveau, das mit dem entwickelter Länder vergleichbar ist.
Anders ausgedrückt: Die Auswirkungen sind spürbar; wir haben aber sozial so viel erreicht, dass uns diese Verschlechterung im Vergleich zu anderen Ländern noch nicht in eine untergeordnete Position gebracht hat. Dennoch gibt es definitiv Folgen. Schlimme Folgen, denn bei den Operationen, die auf der Warteliste stehen, befinden sich über 11.000 Kinder und es gibt Krebspatienten, für die wir Schwierigkeiten haben, die notwendigen Medikamente zu gewährleisten – Medikamente, die Kuba kostenlos zur Verfügung stellt. Auch das Bildungswesen ist betroffen. Viele unserer Bildungsplattformen sind auf Konnektivität, digitale Transformation und künstliche Intelligenz angewiesen.
All das ist beeinträchtigt, denn ohne Strom funktionieren die Mobilfunkmasten nicht; auch die Transportsysteme und die Wasserversorgung der Bevölkerung sind problematisch. Bei einem Stromausfall versiegen auch die Wasserquellen. Die meisten von ihnen sind auf Strom angewiesen. Sie sehen also: Wir haben bereits die Probleme mit dem Transportwesen, dem Gesundheitswesen, dem Bildungswesen und der Lebensmittelversorgung, und jetzt fehlt uns auch noch das Wasser. Wie viele Probleme treffen da gleichzeitig aufeinander? Und ich frage mich: Warum?

Liegt es daran, dass der Staat nicht in der Lage ist, Dienstleistungen für die Bevölkerung zu erbringen? Nein, es liegt nicht am Staat selbst; es ist die Blockade, die den Staat und die Regierung – der das Volk ist,– daran hindert, ihre Aufgaben zu erfüllen. Denn ich glaube, dass viele unserer Ziele, viele unserer Widerstands- und Organisationsformen in erster Linie mit staatlicher Verwaltung zusammenhängen. Diese staatliche Verwaltung ist untrennbar mit dem Volk verbunden, das über die Fähigkeit zur Selbstorganisation, Kreativität, Widerstandsfähigkeit, zum Widerstand und zum Einfallsreichtum verfügt. Ein Beispiel: Uns fehlt derzeit Flüssiggas.

Flüssiggas ist eine Form des Zwangs, denn auch die andere Form des Zwangs, Strom, ist für uns schwer zugänglich. Die Menschen haben in ihren Häusern Lösungen gefunden; manche bauen einen Holzkohleofen, andere einen Herd. Sie haben sehr effiziente Holzöfen entwickelt. Nachbarn können Gemeinschaftsküchen einrichten, um für mehrere Haushalte gleichzeitig zu kochen.

Viele Familien haben sich Photovoltaikanlagen für ihre Häuser angeschafft, um unabhängig vom nationalen Stromnetz zu sein. Sie nutzen diese Lösung aber nicht nur für sich selbst, sondern teilen sie, denn es herrscht ein starker Gemeinschaftssinn. Ich selbst habe einen Generator und gebe meinen Nachbarn ein Verlängerungskabel, das diese dann wiederum teilen, um ihre Roller, Handys oder Tablets aufzuladen. Manche Haushalte stellen ihre Anlagen sogar der Regierung und den lokalen Behörden zur Verfügung, um sogenannte „Zuschauerzentren“ einzurichten. Diese Zentren sind mit Audio- und Fernsehgeräten ausgestattet, sodass die Menschen auch bei Stromausfall Informationen erhalten, Nachrichten sehen oder das Fernsehprogramm verfolgen können. Auch die Elektromobilität spielt in unserem Energiesektor eine wichtige Rolle. Wir setzen ebenfalls auf Elektromobilität, um unabhängiger zu werden. Hier montieren wir beispielsweise ein bestimmtes Fahrzeug – es gibt viele Elektromotorräder und -dreiräder. Das von uns montierte Elektrodreirad hatte bereits eine vorgegebene Konstruktionszeichnung. Es gibt bereits eine Vielzahl von Ausführungen, weil die Menschen das elektrische Dreirad anpassen, sodass wir elektrische Dreiräder für den Personentransport haben.

In den Städten gibt es elektrische Dreiräder, die zu Lieferwagen umgebaut wurden. Es gibt auch komfortablere Varianten, beispielsweise für Patienten, die auf Hämodialyse angewiesen sind und regelmäßig für diese komplexe Behandlung fahren müssen. Sogar für Beerdigungen wurden Dreiräder umgebaut, um auf Leichenwagen verzichten zu können. Manche sind mit Fernsehern und Bildschirmen ausgestattet, um der Bevölkerung kulturelle und informative Angebote zu präsentieren. Auch die Organisation des Schuljahres im allgemeinen Bildungsbereich und des akademischen Jahres im Hochschulbereich unter diesen Bedingungen ist innovativ und kreativ. Die Menschen leiden, es gibt Einschränkungen und Engpässe, aber der kubanische Geist der Widerstandsfähigkeit, Solidarität und Lebensfreude geht nicht verloren.

Pablo Iglesias: Ohne diese Kapazität, wie lange braucht Kuba, um Energiesouveränität im Sinne der Unabhängigkeit vom Öl zu erreichen? Denn ich verstehe, dass ihr Gas gegeben habt; dieser Übergang, diese strategische Zusammenarbeit mit China zur Förderung der Solarenergie, war lange geplant, aber jetzt müsst ihr ihn schnell  umsetzen.

Miguel Díaz-Canel: Ich werde mit dir darüber sprechen, aber zuerst, um eine deiner Fragen zum Thema Impfstoffe nicht auszulassen, denn hier kommt das Konzept des kreativen Widerstands ins Spiel.

SOUVERÄNE IMPFSTOFFE UM COVID ZU BEKKÄMPFEN

Miguel Díaz-Canel:  Wir befanden uns mitten in der Covid-19-Pandemie, wie ich dir bereits gesagt habe, und erlebten in dieser Zeit bereits die erste Phase der Verschärfung der Blockade. Darüber hinaus wurden alle damals von der Trump-Regierung ergriffenen Maßnahmen von der Biden-Regierung beibehalten; das heißt, die Machthaber in den Vereinigten Staaten wechselten, die Kuba-Politik jedoch nicht. Als wir die weltweite Entwicklung der Impfstofffrage erkannten, wurde uns klar, dass wir weder die finanziellen Mittel noch die Möglichkeit hätten, aufgrund der Blockade einen Impfstoff zu beschaffen. Daher wandten wir uns an kubanische Wissenschaftler.

Wir sagten: „Um die Pandemie souverän zu bewältigen, brauchen wir kubanische Impfstoffe.“ Zwei Monate später hatten wir bereits die erste Charge eines Impfstoffkandidaten. Den Rest der Geschichte kennen wir: Fünf Impfstoffkandidaten, drei davon wirksam – und nicht nur für Kuba. Wir teilten sie mit einem anderen Land, wodurch wir die Krankheit von da an unter Kontrolle bringen konnten. Wir waren weltweit die Ersten, die Kinder über zwei Jahren mit unseren eigenen Impfstoffen impften und erreichten danach sehr hohe Impfraten. Und genau da frage ich mich: Warum hilft das Konzept des kreativen Widerstands dir  nicht nur beim Widerstand, sondern auch dabei dich zu entwickeln? Du hast ja Impfstoffe entwickelt.
Es gibt mächtige Nationen, die keine Impfstoffe entwickeln konnten, also so kommst du voran, wächst und entwickelst dich auch. Es geht nicht um unterwürfigen Widerstand, sondern um kreativen Widerstand. Und genau aus diesen Gründen: Uns fehlte medizinischer Sauerstoff, und die US-Regierung setzte Sauerstoffunternehmen in der Karibik und Lateinamerika unter Druck, uns keinen Sauerstoff zu verkaufen. Wir mussten enorme Anstrengungen unternehmen.
Wir erhielten Hilfe von Russland und anderen Ländern, um diese Krise zu bewältigen. Uns wurde der Kauf von Beatmungsgeräten verweigert. Junge kubanische Wissenschaftler entwickelten daraufhin leistungsstarke, zertifizierte Beatmungsgeräte, die wir sogar exportieren können. Das alles ist kreativ, nicht bloß Widerstand.

DER WEG ZUR ENERGETISCHEN UNABHÄNGIGKEIT

Miguel Díaz-Canel: Nun gut, von diesem Zeitpunkt an begannen wir zu prüfen, wie wir Lösungen für die Probleme des Landes finden könnten, die uns weniger abhängig von Beiträgen und Hilfen aus anderen Quellen machen würden, wie beispielsweise vom ehemaligen Ostblock, Venezuela, China oder anderen befreundeten Ländern. Ziel war es, die wirtschaftliche Souveränität und Nachhaltigkeit des Landes weiter zu sichern. Zwei zentrale Themen sind dabei die Nahrungsmittelproduktion und die Energieversorgung. Wie sind wir also mit dem Energieproblem umgegangen? Mit einem umfassenden Ansatz und einem Regierungsprogramm zur Bewältigung der Energiekrise und zur Sicherstellung der Energiestabilität im Land. Ein Bestandteil dieses Systems ist, dass wir noch jahrelang auf die Grundlastversorgung durch Wärmekraftwerke angewiesen sind. Diese Wärmekraftwerke befinden sich in einem sehr schlechten Zustand. Daher setzen wir ein Programm zur Wiederherstellung ihrer Kapazität um. Unter diesen Umständen mussten wir Mittel für die Wiederherstellung dieser Kapazität bereitstellen.
Beispielsweise haben wir in diesem Jahr bisher 185 Megawatt (MW) wieder in Betrieb genommen. Es gibt ein ganzjähriges Programm, aber letztes Jahr konnten wir über 100 MW dezentrale Energieerzeugung zurückgewinnen. Dabei handelt es sich nicht um Wärmekraftwerke, sondern um Inselnetze mit Anlagen, die mit Heizöl oder Diesel betrieben werden. Heute konnten wir diese Anlage nicht nutzen, da uns weder Diesel noch Heizöl zur Verfügung stehen.

Seit drei Monaten haben wir im Land keinen einzigen Tropfen Treibstoff erhalten. Aber sehen Sie, das nächtliche Spitzendefizit liegt aktuell zwischen 1.800 und 1.900 MW. Hätten wir zur Spitzenzeit dezentrale Erzeugungskapazitäten zur Verfügung, stünden uns 1.000 MW zur Verfügung. Die Spitzenlast läge dann bei etwa 500 MW, würde nur wenige Stunden in der Nacht andauern, und in den frühen Morgenstunden wäre das gesamte Defizit gedeckt.
Mit dieser dezentralen Erzeugung und der Stromerzeugung durch Photovoltaikanlagen tagsüber könnten wir das Defizit komplett beseitigen. Woher kommt also das Defizit? Es liegt nicht an der Unfähigkeit des Energieprogramms, sondern daran, dass uns der Treibstoff fehlt, um die Kapazität auszuschöpfen, die wir eigentlich hätten nutzen können.

Einerseits wird die thermoelektrische Kapazität wiederhergestellt, andererseits die dezentrale Energieerzeugung, die stark beeinträchtigt war. Drittens wird in erneuerbare Energien investiert. Sie können weder Sonne noch Luft blockieren. Dank eines Projekts, das ich aus rechtlichen Gründen nicht näher erläutern kann, ist es uns letztes Jahr gelungen, landesweit Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 1.000 MW zu installieren. Dadurch stieg der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung von drei auf zehn Prozent. Das entspricht einem Wachstum von sieben Prozent innerhalb eines Jahres – trotz verschärfter Blockaden. Unsere Berechnungen zeigen, dass wir mindestens 3.000 MW aus erneuerbaren Energien, insbesondere Photovoltaik, erreichen sollten, aber wir investieren auch in Windenergie. Wenn wir das Tempo des Vorjahres beibehalten können und die Finanzierung gesichert ist, können wir dieses Ziel in zwei bis drei Jahren erreichen.

Dieses Jahr werden wir Investitionen in erneuerbare Energien, insbesondere in Photovoltaikparks mit Energiespeichern, priorisieren. Diese Speicher ermöglichen es uns, zur Frequenzstabilität des Netzes beizutragen, da Frequenzinstabilität die Ursache für die zahlreichen Stromausfälle der letzten Zeit war. Darüber hinaus stellen sie uns nachts Erzeugungskapazität zur Verfügung, basierend auf der tagsüber durch Photovoltaik erzeugten Energie. Beispielsweise erzeugen wir derzeit tagsüber Strom in Wärmekraftwerken, die mit kubanischem Rohöl betrieben werden.

Kubanisches Rohöl ist nicht sehr ergiebig; es ist schwer. Aber vor Jahren haben wir das System angepasst, um es hier zu verarbeiten – das System, um es anzupassen, richtig? Jetzt geht es an die Verarbeitung. Mit diesem Rohöl, das nur minimal verarbeitet werden muss, werden kubanische Wärmekraftwerke betrieben. Natürlich benötigen sie aufgrund der Schwefel- und Abgasbelastung häufigere und systematischere Wartung, insbesondere die Kessel.
Aber unter diesen Umständen müssen wir verstehen, dass wir, wenn wir nicht importieren können, wenn wir keinen Brennstoff erhalten – obwohl wir auf dieses Recht nicht verzichten, denn es ist ein Recht jedes Landes, und unseres ist von der Energieblockade betroffen –, die Wärmekraftwerke mit unserem eigenen Rohöl betreiben können.
Damit erzeugen wir heute Strom, zusätzlich zu den Photovoltaikanlagen, die ich Ihnen bereits erklärt habe.
Im Moment erzeugen wir also Strom mit unserem Rohöl und unseren Anlagen, und wir decken zwar nicht das Defizit, aber wir erzeugen unseren eigenen Strom. Niemand kann uns diese Art der Stromerzeugung wegnehmen.

Was sind also unsere Ziele? Wir werden die heimische Rohölproduktion durch das Bohren weiterer Brunnen und die Einführung von Technologien zur optimierten Brunnennutzung steigern. Kubanische Erdölwissenschaftler haben bereits ein Raffinerieverfahren entwickelt. Mit abnehmender Abhängigkeit von internationalem Rohöl und zunehmender Nutzung heimischen Rohöls werden wir einen Teil unseres heimischen Rohöls verarbeiten und raffinieren können, um es nicht nur zur Stromerzeugung, sondern auch für andere Wirtschaftsbereiche zu nutzen. Bei der Rohölförderung entsteht außerdem Begleitgas.
Wir betreiben ein Kraftwerk namens Energás, das ebenfalls Begleitgas aus der Ölförderung nutzt. Steigt die Ölproduktion, steigt auch die Produktion von Erdöl und Begleitgas. Tatsächlich konnten wir im Januar und Februar den Rückgang der Erdöl- und Begleitgasproduktion umkehren, die Zahlen des Vorjahres übertreffen und unsere geplanten Ziele erreichen.

Wir verfügen daher über eine Komponente, die uns voranbringt. Dazu gehören fortlaufende Investitionen in Photovoltaikparks, erneuerbare Energien und Windkraft. Wir entwickeln Biogasanlagen; das heißt, durch die Behandlung von Feststoffabfällen, insbesondere in der Milch- und Viehwirtschaft, können wir Systeme implementieren, die Gas zum Kochen in Gemeinden und Siedlungen bereitstellen. Diese Systeme, die mit Gasgeneratoren betrieben werden, können auch Strom erzeugen und die Umweltbelastung reduzieren, wodurch sie vollständig nachhaltig sind. Wir führen außerdem Technologien zur Nutzung von Biomasse ein. Beispielsweise können wir im Zuckersektor die Stromerzeugung von Zuckerfabriken in der Nebensaison mit nur wenigen Anpassungen auf Biomasse umstellen, sodass sie auch Strom aus Biomasse erzeugen können, was ebenfalls vollständig nachhaltig ist.

Zusätzlich zu Investitionen in die Stromerzeugung haben wir die Elektromobilität in diese Strategie integriert. Mit zunehmender Elektromobilität benötigen wir weniger Kraftstoff für den Wirtschaftsbetrieb und den Transport. Daher bauen wir Kapazitäten mit internationalen Wirtschaftspartnerschaften sowie mit dem privaten Sektor der Elektrosystemmontage und -produktion auf, zusätzlich zu anderen Investitionen, die wir in den Kauf dieser Ausrüstung tätigen.

Wir werden in Kürze 400 Elektrofahrzeuge für den Gesundheitssektor anschaffen und so die Versorgungssicherheit aller Polikliniken und Krankenhäuser im ganzen Land gewährleisten. Darüber hinaus haben wir Anreize für alle geschaffen – ob staatlich, privat oder genossenschaftlich organisiert –, die erneuerbare Energiequellen im Land einführen, sowohl für den geschäftlichen als auch für den privaten Gebrauch.
Wir bieten Tarifvergünstigungen: Wer mit einer Anlage Strom erzeugt und in das nationale Netz einspeist, erhält einen Vorzugstarif. Bei mehrjährigem Betrieb dieser Anlage entfallen die Einfuhrzölle auf diese Technologien. Zudem bieten wir verschiedene Steuervorteile für Dienstleistungen, Gewinne und Installationen für diejenigen, die diese Initiative fördern. Dadurch ist ein Umfeld entstanden, das ich als partizipativ und unterstützend bezeichnen würde. Ein Beispiel hierfür ist der Fall eines Mitarbeiters eines nicht-staatlichen Kleinst-, Klein- oder Mittelbetriebs (KKMU), der alle Photovoltaikanlagen für soziale Einrichtungen wie Polikliniken in einer Gemeinde erworben hat. Wenn also der Strom in den Kliniken ausfällt, haben diese weiterhin Strom, ebenso die Banken – mit anderen Worten: Die wichtigsten Energiedienstleistungen für die Bevölkerung werden durch dasselbe Modell gewährleistet, das von dieser nichtstaatlichen Einrichtung entwickelt wurde. Wir haben nun eine Reihe von Photovoltaikanlagen erworben und setzen dieses Modell in allen Gemeinden des Landes um.

Dank solidarischer Hilfe  erhalten wir nun viele Ausrüstungsgegenstände. Institutionen aus anderen Ländern bieten an, alle benötigten Photovoltaikanlagen für das Gesundheitssystem bereitzustellen. Nichtregierungsorganisationen kaufen diese Anlagen und spenden sie an bestimmte staatliche Sozialeinrichtungen. Viele staatliche Unternehmen investieren bereits. Privatpersonen, die Elektromobilitätsgeräte wie Dreiräder und Elektroautos besitzen, stellen diese für öffentliche Zwecke zur Verfügung.
All dies hat ein Gefühl der Solidarität, ja sogar eine Bewegung, geschaffen, die meiner Überzeugung nach schon bald eine beträchtliche Stromkapazität erzeugen wird. Wir müssen dies mit den Bemühungen der Regierung kombinieren und werden diese Krise schrittweise überwinden. Nein, es ist kein Problem, das sich über Nacht lösen lässt; es wird drei Jahre dauern. Aber ich glaube, es ist ein nachhaltigerer Weg.
Deshalb sage ich auch, dass wir diese Herausforderungen als Chancen begreifen müssen. Das ist das revolutionäre Prinzip: nicht aufzugeben, sondern sie als Chancen zu sehen. Wir bewegen uns auf einen nachhaltigeren Weg zu und werden diese Herausforderungen schrittweise meistern. Es wird eine Phase geben, in der wir weiterhin mit ähnlichen Einschränkungen zu kämpfen haben werden wie jetzt. Aber stellen Sie sich beispielsweise vor, wir hätten letztes Jahr nicht 1.000 MW in Photovoltaikparks investiert – wie sähe die Lage in Kuba heute aus? Wir hätten tagsüber kaum genug Kapazität zur Stromerzeugung, und das System wäre so instabil, dass es ständig zu Blackouts käme.

PROZESS DES DIALOGS MIT DEN USA

Pablo Iglesias: Miguel, da ist ein Elefant im Raum, und das ist Donald Trump. Ich muss Ihnen diese Frage stellen, von der ich nicht weiß, ob Sie sie beantworten können: Sprechen Sie mit der US-Regierung?

Miguel Díaz-Canel: Also, es gab viele Spekulationen und Manipulationen, und ich werde dir den genauen Inhalt der Informationen erläutern, die wir dem kubanischen Volk und der internationalen Gemeinschaft verantwortungsvoll zur Verfügung gestellt haben. Sieh mal, immer wenn die Beziehungen angespannt waren wie derzeit zwischen den Regierungen der Vereinigten Staaten und Kubas, haben Einzelpersonen und Institutionen – sowohl staatliche als auch nichtstaatliche – versucht, Kanäle zu schaffen, um den Dialog zwischen den beiden Regierungen zu fördern und jegliche Feindseligkeiten oder mögliche Fallstricke zu überwinden, insbesondere um Konfrontationen zu vermeiden und Lösungen zu finden. Und genau das geschieht gerade. Fakt ist: Jede Art von Gespräch oder Verhandlung, die zu einer Einigung führt, ist ein langer Prozess.

Zunächst müssen wir einen Dialogkanal schaffen. Dann müssen wir gemeinsame Interessensgebiete für beide Seiten entwickeln, und die Parteien müssen ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit und ihr ernsthaftes Engagement für das Programm unter Beweis stellen. Aus der Diskussion dieser Ziele müssen wir für beide Seiten vorteilhafte Vereinbarungen treffen und schließlich Ergebnisse erzielen. Was haben wir also im ersten Teil unserer Informationen gesagt? Dass dies mit der Politik der Kubanischen Revolution übereinstimmt. Warum? Weil dies nicht der erste Versuch in der Geschichte der Revolution ist, Gespräche aufzunehmen.
Es gab Versuche während der Kennedy-Ära. Es gab Versuche während der Carter-, Clinton- und sogar Reagan-Ära. Einige führten zu Fortschritten, andere weniger, und einige scheiterten aufgrund verschiedener Umstände. Doch dieser aktuelle Versuch ist nicht einzigartig. Darüber hinaus hat die Revolution von ihren Anfängen an stets ihre Bereitschaft bewahrt, mit der Regierung der Vereinigten Staaten auf der Grundlage von Respekt und Gleichberechtigung, ohne Druck oder Vorbedingungen, in einen Dialog zu treten, um Lösungen für unsere Differenzen zu finden. Mit anderen Worten: Diese Vorgehensweise hat die gesamte Geschichte der Revolution geprägt.

Daher widerspricht unser jetziger Vorschlag in keiner Weise der Geschichte der Revolution. Selbst eines der weitreichendsten Gespräche, nämlich das zwischen General Raúl Castro und Präsident Obama, das zu konkreten Vereinbarungen führte, konnte einige der damals gegen Kuba verhängten Sanktionen aufheben. Wir sind bereit, trotz unserer ideologischen Differenzen ein zivilisiertes nachbarschaftliches  Verhältnis aufzubauen. Dies können wir versuchen, weil die Vereinigten Staaten dies auch mit einigen ihrer vermeintlichen Gegner tun; sie unterhalten Beziehungen zu Russland, China und anderen Ländern. Warum steht Kuba im Mittelpunkt? Unser Vorgehen ist also nicht historisch beispiellos; es entspricht einer historischen Position Kubas.

Wir sind keine Kriegstreiber. Wir beleidigen niemanden, wir werden nichts gegen die Vereinigten Staaten unternehmen, wir blockieren die Vereinigten Staaten nicht. Die Blockade ist eine einseitige Angelegenheit, eine einseitige Entscheidung der US-Regierung. Wir haben außerdem – und das ist die andere Version, die sie zu verbreiten versuchen – gesagt, dass es innerhalb der Revolutionsführung keine Spaltungen gibt. Wir haben erklärt, dass die Führung des Armeegenerals, der sich seine Führungsrolle in diesem Land verdient hat, der der historische Führer der Revolution ist und auch wenn er seine Verantwortung abgegeben hat, sein Ansehen in der Bevölkerung, seine Geschichte, seine Verdienste, seine historische Anerkennung –  niemand leugnen kann. Das ist vergleichbar mit der Situation in anderen Teilen der Welt, wo Menschen nicht aufgrund ihrer Position, sondern aufgrund ihrer Geschichte und Erfahrung Führungspositionen innehaben.

Pablo Iglesias: Man hat mir gesagt, dass du oft mit ihm sprichst.

Miguel Díaz-Canel: Wir sprechen oft miteinander. Ich teile ihm alles mit, er ist auf dem Laufenden.

Pablo Iglesias: Was denkt er über die jetzige Situation?

Miguel Díaz-Canel: Es ist eine komplexe Situation. Er gehört zu denen, die gemeinsam mit mir und anderen Partei-, Regierungs- und Staatsvertretern die Gestaltung dieses Dialogprozesses mitbestimmt haben. Er verfolgt den Dialogprozess mit großem Interesse, schätzt ihn sehr und ermutigt uns, wenn er sieht, dass unsere Bemühungen Früchte tragen. Vor allem aber setzt er sich für das Volk, die Revolution und die Rettung des Landes vor Aggression ein. Unter dieser Führung, unter dieser gemeinsamen Leitung, die er und ich initiiert haben und die von allen geteilt wird, haben unsere Vertreter kürzlich Gespräche mit Beamten des Außenministeriums geführt, um unsere bilateralen Differenzen zu erörtern und Lösungen zu finden.

Pablo Iglesias: Was wollen sie? Was fordern sie?

Miguel Díaz-Canel: Dieser Zeitpunkt ist noch nicht gekommen. Wir haben den Dialog begonnen, um – falls Verhandlungsbereitschaft besteht – eine Agenda für Diskussionen und Debatten zu entwickeln, die zu Verhandlungen führen könnte. Deshalb schlagen wir dies vor, und es wurde auch von internationalen Akteuren unterstützt und gefördert.

Pablo Iglesias: Kann man sagen, welche dies sind?

Miguel Díaz-Canel: Nein, das  möchte ich nicht sagen, wir möchten diese Quellen nicht verbrennen. Außerdem werden solche Dinge stets mit größter Diskretion behandelt, und wir sind mit Ernsthaftigkeit und großer Verantwortung an die Sache herangegangen, da es sich um einen sehr sensiblen Prozess handelt. Was sind also die Ziele? Zunächst einmal wollen wir die bilateralen Differenzen ermitteln, für die wir Lösungen finden können.

Pablo Iglesias: Was könnte das sein? Worüber würde man sprechen können?

Miguel Díaz-Canel: Es gibt Tausende von Themen, wirtschaftliche Fragen. Wir können über Investitionen sprechen, wir können darüber sprechen, wie sich die US-Regierung an der kubanischen Wirtschaft beteiligen kann, aber es gibt auch Migrationsfragen, den Kampf gegen Drogenhandel, gegen Terrorismus, für die Sicherheit der Region, Umweltfragen, Fragen der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, der Bildungszusammenarbeit, der Zusammenarbeit allgemein – es gibt Tausende von Themen.

Pablo Iglesias: Und was wäre für Kuba inakzeptabel?

Miguel Díaz-Canel: Zunächst sollten sie uns keine Bedingungen stellen, dass wir um Gespräche zu führen, eine bestimmte Position einnehmen müssten. Sie müssen unsere Souveränität, unsere Unabhängigkeit und unser politisches System respektieren, so wie wir ihre respektieren würden. Diese Dinge stehen nicht zur Debatte. Wir sollten auf der Grundlage von Gegenseitigkeit und unter Einhaltung des Völkerrechts zusammenarbeiten.
Dann lasst uns nach bilateralen Differenzen suchen, bei denen wir Lösungen finden können. Lasst uns den Willen beider Seiten haben, diesen Prozess voranzutreiben. Lasst uns Bereiche der Zusammenarbeit finden, die es uns ermöglichen, den Bedrohungen zu begegnen und Frieden und Sicherheit für beide Nationen und die gesamte Region zu erreichen. Denn wir sind Teil eines Abkommens, das auf einer CELAC-Konferenz in Havanna geschlossen wurde, auf der eine Proklamation verabschiedet wurde, die Lateinamerika und die Karibik zur Zone des Friedens erklärte.

Darüber hinaus ist es unsere Überzeugung, nicht auf Manipulierung zu reagieren, da es sich um einen schwerwiegenden Prozess handelt, der mit großer Verantwortung und Sensibilität geführt werden muss, da er die bilateralen Beziehungen betrifft. Daher müssen wir Räume für Verständnis schaffen, die es uns ermöglichen, gemeinsam Lösungen zu finden und Konfrontationen zu vermeiden – stets im Einklang mit Respekt, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und der Achtung fundamentaler Prinzipien; dass wir uns niemals auf eine Diskussion einlassen würden, die unser politisches System in Frage stellt oder den Verlust der Souveränität und der Unabhängigkeit beinhaltet.

SILVIO RODRÍGUEZ UND DIE SYMBOLIK DER AKM

Pablo Iglesias: Natürlich ist dies das ideale Szenario, das Kuba sich wünscht: ein Dialog unter Achtung der Souveränität. Wir haben jedoch gesehen, dass Trump mit militärischen Drohungen umgeht und diese manchmal auch in die Tat umsetzt. Mir ist bewusst, dass dies das schwierigste Szenario ist. Ein Bild davon ist viral gegangen: Silvio Rodríguez sagt: „Wenn sie kommen, gebt mir meine AKM.“

Miguel Díaz-Canel: Genau das. Dieser Ausdruck ist sogar symbolisch. Silvio steht für die Überzeugung der Mehrheit des kubanischen Volkes. Anders gesagt: Wir wollen keinen Krieg, wir wollen Dialog. Wir wollen diesen Punkt erreichen, diesen idealen Zustand.

Aber wenn dieser Raum nicht entsteht, sind wir bereit. Und ich sage das mit der tiefen Überzeugung, die ich mit meiner Familie teile: dass wir unser Leben für die Revolution geben würden. Denn es gibt eine über 150-jährige Geschichte des Kampfes, denn dieses Land hat viel Erfahrung. Wann wurde es gedemütigt? Wann wurde es kolonisiert, wann war es eine Neokolonie, wann waren die kubanischen Regierungen der US-Regierung untertan, wann wurden fast alle unsere Ressourcen von US- Unternehmen geplündert und beherrscht, und all das Elend und Übel, das die Revolution in diesem Land beseitigt hat? Und jetzt sprechen wir von schwierigen Zeiten, aber selbst in diesen schwierigen Zeiten in Kuba haben die Menschen mehr Güter und mehr garantierte Rechte als je zuvor in der Geschichte. Und das ist nicht verloren gegangen, und die Menschen sind sich dessen bewusst. Und deshalb ist eines der ersten Dinge, die wir als Revolutionäre immer tun, uns auf den schlimmsten Fall vorzubereiten. Wenn man den schlimmsten Fall übersteht, kann man jedes Szenario überstehen.
Aktuell wird in Kuba ein Plan entwickelt, um die Verteidigungsbereitschaft der gesamten Bevölkerung zu stärken. Unser Konzept eines Krieges des gesamten Volkes ist kein Angriffskrieg, sondern ein Krieg zur Verteidigung der Souveränität und Unabhängigkeit des Landes unter Beteiligung der Bevölkerung. Jeder Kubaner weiß, welche Rolle er in der Verteidigung zu spielen hat, und die Mehrheit unseres Volkes ist bereit, sich dieser Herausforderung zu stellen. Genau das wollen wir erreichen, denn wir haben das Volk der USA nie als Feind betrachtet. Wir unterscheiden sogar sehr zwischen Volk und Regierung der USA.

Die US-Regierung könnte jedoch ein wirklich gutes nachbarschaftliches Verhältnis zu Kuba aufbauen, eine Zusammenarbeit, von der beide Seiten profitieren. Wir sind eine kleine Insel, aber im Sinne unserer revolutionären Vision von wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung streben wir danach, für alle zu sorgen. Daher stellt Kuba einen Markt von 11 Millionen Menschen für die Vereinigten Staaten dar – einen Markt in unmittelbarer Nähe. Wir müssen manchmal Reis aus Asien importieren. Wir könnten Reis direkt nebenan in den Vereinigten Staaten haben. Wir könnten Öl und Treibstoff in unmittelbarer Nähe, nur 145 Kilometer entfernt, beziehen, und die Vereinigten Staaten könnten auch von Kubas wissenschaftlichen Fortschritten profitieren. Wir verfügen über wichtige Impfstoffe gegen Krebs und wirksame Medikamente gegen andere Krankheiten.

Immer, wenn ich mit  Delegationen aus den USA spreche, die Kuba besuchen, versuche ich ihnen – gewissermaßen symbolisch – zu erklären, wie die Möglichkeit einer zivilisierten Beziehung zwischen unseren beiden Völkern untergraben wird. Dies beruht auf einer persönlichen Erfahrung: Jedes Jahr findet in Kuba das Havana Jazz Festival statt. Am letzten Abend tritt ein Orchester aus kubanischen Musikern und Musikern aus den USA auf. Man ist dort und reist mit einem Gefühl der Zufriedenheit ab, im Gedanken: „Wie kann das Talent zweier Länder diese Zufriedenheit hervorbringen, die auch unsere Völker erleben könnten?“ Doch selbst der kulturelle Austausch wird durch die Blockade behindert. Man muss sich nur ansehen, wie weit diese Blockade reicht.

PROBLEME FÜR SPANISCHE INVESTITION IN KUBA

Miguel Díaz-Canel: ch gebe dir ein Beispiel dafür, wie sich das auf Europäer und insbesondere Spanier auswirkt. Mehrere spanische Unternehmen investieren in Kuba. Diese Geschäftsleute, die sich Kuba verpflichtet fühlen und das Land respektieren, haben allerlei Druck ertragen müssen. Viele sehen sich mit Einreisebeschränkungen in die USA konfrontiert oder unterliegen den Beschränkungen der US-Blockade.
Nehmen wir zum Beispiel den jüngsten Druck der USA auf den Tourismus nach Kuba: Es gibt das ESTA-Visum, das Europäern die Einreise in die USA relativ einfach macht. Wenn nun ein Europäer nach Kuba reist, entzieht ihm die US-Regierung das ESTA-Visum. Das passiert sonst niemandem. Warum muss es ausgerechnet Kuba treffen? Das war das andere, das ich mich fragte. Wir stellen für niemanden eine Bedrohung dar, aus den bereits genannten Gründen.

Darüber hinaus zeichnet sich dieses  durch ein starkes Gefühl der Solidarität und Gastfreundschaft aus; jeder, der kommt, wird herzlich willkommen geheißen. Wenn Sie Kuba selbst besuchen, werden Sie in jedem Viertel sofort jemanden finden, der Ihnen etwas anbietet, sogar sein Zuhause, und der es mit Ihnen teilt. Es ist ein anständiges, friedliches Volk. Daher glaubt niemand, dass Kuba eine ungewöhnliche Bedrohung für die Vereinigten Staaten darstellt, wie sie sagen. Das kann also nicht der Grund sein. Wir behindern das Leben der Vereinigten Staaten in keiner Weise. Das, was der Grund sein könnte, dass die Vereinigten Staaten uns mit solcher Wut betrachten ist einmal ihre arrogante, hegemoniale und dominante Denkweise, und zweitens die Angst vor Kubas Beispiel, weil Kuba die Dinge anders angeht. Kuba hat in jedem internationalen Forum seine eigene Perspektive, seine eigenen Wahrheiten und kann seine Positionen darlegen, ohne irgendeinem Druck ausgesetzt zu sein.

Wir sind durchaus in der Lage, all das Gute anzuerkennen, das weltweit für andere getan wird, aber wir erheben auch unsere Stimme, um das anzuprangern, ws nicht getan wird. Und mit dieser Wirtschaft, die seit so vielen Jahren leidet und dass man uns als gescheiterten Staat bezeichnet. Ein gescheiterter Staat hätte niemals 67 Jahre Blockade überstanden,wie die die Vereinigten Staaten über uns verhängt haben oder könnte unter diesen Bedingungen überhaupt funktionieren. Diese oft kritisierte Wirtschaft ist immer eine Kriegswirtschaft gewesen, aber sie hat Sozialprogramme aufrechterhalten. Schauen Sie sich Kubas Sozialindikatoren an – die selbst Mächte mit deutlich mehr Geld nicht erreicht haben, weil soziale Gerechtigkeit, Gleichheit, harte Arbeit, die Beteiligung der Bevölkerung und die Einheit des kubanischen Volkes dort gesiegt haben.

MEDIZINISCHE BRIGADEN UND DIE ELAM

Pablo Iglesias: Es gibt da etwas, das ich gern von dir erklärt haben würde, was viele nicht wissen. Kuba hat medizinische Brigaden in viele Länder entsandt, und diese Brigaden waren unglaublich wichtig, um die Gesundheitsversorgung in Bevölkerungsschichten dieser Länder zu verbessern, die sonst nie Zugang dazu gehabt hätten.

Miguel Díaz-Canel: Genau das haben wir in Europa gesehen. Der Abschied nach dem Einsatz in Italien wurde auf vielen Fernsehsendern übertragen, aber für einige Länder Lateinamerikas und der Karibik war dies fast schon eine Grundvoraussetzung, um ihre Gesundheitssysteme zu stärken und sicherzustellen, dass die Versorgung auch Menschen erreicht, die zuvor nie Zugang dazu hatten.

Pablo Iglesias: Das ändert sich nun aufgrund des Drucks der Vereinigten Staaten. Ich möchte Sie bitten, darüber zu berichten, dass Länder gezwungen sind, kubanische Ärzte und medizinisches Fachpersonal zum Verlassen des Landes aufzufordern, weil die Vereinigten Staaten sie dort nicht haben wollen.

Miguel Díaz-Canel: Betrachten wir zunächst den Hintergrund. Martí predigte, dass die Heimat die Menschheit sei, und Kuba, die Kubanische Revolution, hat sich stets an Martís Lehre gehalten. Für uns gibt es keine Unterschiede hinsichtlich Rasse, Hautfarbe, Ethnie oder Nationalität. Wir sehen die Welt als eine Gemeinschaft, die in Harmonie und Ausgewogenheit leben muss, in der jeder Mensch nach seinen Fähigkeiten und seinem Potenzial zum Wohl der anderen beiträgt. Aus diesem Grund hat die Revolution wissenschaftliche Entwicklungen und Fortschritte in Bereichen wie Bildung und Gesundheitswesen hervorgebracht, die uns auszeichnen. Darüber hinaus ist die Ausbildung unseres Gesundheitspersonals humanistisch und basiert auf ethischen Prinzipien. Es gibt keine Arroganz einer Elite von Ärzten oder Gesundheitsfachkräften, die das Gesundheitswesen als Mittel zur Bereicherung betrachten.

Unser Volk sieht darin eine Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten, Leben zu retten, eine soziale und menschliche Verpflichtung. Schon in den frühen Jahren der Revolution baten uns Länder mit bestimmten Benachteiligungen, die Sozialprogramme für ihre Bevölkerung entwickeln wollten, um medizinische Hilfe. Der erste Einsatz führte während der algerischen Revolution nach Algerien, und diese Praxis etablierte sich.

 Auch die Welt begann zu verstehen, wie Kuba diese Ressourcen und Möglichkeiten bereitstellte, und immer mehr Länder und Regierungen mit einer humanitären und sozialen Vision, die nach sozialer Gerechtigkeit strebten, baten uns um medizinische Brigaden, insbesondere um die unterversorgten Gebiete in ihren Ländern zu betreuen. Ärzte in diesen Ländern wollten oft nur für die städtische Elite arbeiten, nicht für die am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen. So entstand das Konzept der medizinischen Brigaden – Gruppen kubanischer Ärzte, Pflegekräfte und anderer medizinischer Fachkräfte, die freiwillig in einem anderen Land dienen. Diese medizinischen Brigaden gibt es in verschiedenen Formen; es gibt Länder, in denen wir kostenlos arbeiten und kein Geld für die medizinische Brigade verlangen, außer dass das Land den Lebensunterhalt der Personen garantiert.

In anderen Fällen gibt es andere Modalitäten, die auch von der Fähigkeit der Regierung abhängen, ob sie diese Dienstleistungen bezahlen kann oder nicht. Alle Kubaner, die an einem medizinischen Auslandseinsatz teilnehmen, erhalten jedoch weiterhin ihr volles Gehalt für die Dauer ihres Einsatzes. Manche behaupten dann, es handle sich um Menschenhandel und Ausbeutung. Nein, wir zahlen ihnen ihr volles Gehalt in Kuba, während sie sich im medizinischen Einsatz befinden. Viele Verträge für medizinische Einsätze sehen zudem vor, dass sie für den erfolgreichen Abschluss des Einsatzes eine Aufwandsentschädigung oder eine Zuteilung erhalten – also das, was ihnen im Rahmen des Einsatzes zusteht, zuzüglich ihres regulären Gehalts in Kuba, wo sie zu diesem Zeitpunkt nicht arbeiten. Mit anderen Worten: Sie haben ein gesichertes Gehalt; daher liegt keine Ausbeutung vor, und sie sind freiwillig bereit, teilzunehmen. Darüber hinaus beinhalten einige dieser Vereinbarungen eine Zahlung, die die kubanische Regierung oder das Gesundheitsministerium für die erbrachten Leistungen erhält.

Aber wofür wird dieses Geld verwendet? Zur Bereicherung einer Elite? Es dient der Deckung der Kosten unseres Gesundheitssystems. Denn obwohl wir ein armes Land sind, verfügen wir über ein erstklassiges Gesundheitssystem. Wir haben modernste Technologien, ein fortschrittliches und koordiniertes System der Primär-, Sekundär- und Tertiärversorgung, das die gesamte Bevölkerung erreicht, völlig kostenlos ist und zudem Spitzenforschung fördert. Es ist also ein Trugschluss zu behaupten, es handle sich um Sklavenhandel, Menschenhandel oder Ausbeutung, und jetzt wird wirklich Druck ausgeübt. Sie üben Druck aus. 

Wir sind uns der Maßnahmen des US-Außenministeriums bewusst, das Druck auf karibische und lateinamerikanische Staats- und Regierungschefs ausgeübt und sogar Länder in anderen Teilen der Welt besucht hat, um zu erfragen, warum diese Länder dieses Abkommen geschlossen haben. Die meisten Antworten in diesen Ländern lauten, dass sie auf die Dienste kubanischen Gesundheitspersonals nicht verzichten können. Einige aber haben diesem Druck jedoch leider nachgegeben, und wir mussten unsere Ärzte aufgrund dieser Forderungen abziehen. Dies hat jedoch dazu geführt, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung in diesen Gebieten ungeschützt ist und keine alternative medizinische Versorgung in Anspruch nehmen kann. Die Vereinigten Staaten werden keine Ärzte bereitstellen, um die Lücken zu schließen, die zuvor durch die kubanische Zusammenarbeit abgedeckt wurden. Darüber hinaus geht die kubanische Zusammenarbeit über medizinische Sicherheitsdienste hinaus. Wir betreiben auch eine lateinamerikanische Schule zur Ausbildung von Ärzten.

Fast alle Ausbildungen sind gratis. Einige finanzieren ihre Teilnahme selbst. Hunderttausende Ärzte aus Lateinamerika, der Karibik, Afrika und sogar aus den USA selbst wurden dort ausgebildet. Ich habe während eines meiner Besuche bei den Vereinten Nationen in New York im Rahmen einer Vereinbarung mit den Pastors for Peace sehr arme Gegenden in den USA kennengelernt. Diese Ärzte, die aus einfachen Verhältnissen stammen, wurden in Kuba kostenlos ausgebildet und dienen heute diesen Gemeinden mit humanitärer Berufung, ohne jegliches Streben nach persönlicher Bereicherung, ganz hingebungsvoll für ihre Mitmenschen. Während der Amtszeit von Dilma Rousseff in Brasilien hatten wir zeitweise fast 15.000 kubanische Gesundheitsfachkräfte im Einsatz und konnten ganze Bevölkerungsgruppen versorgen – das sage ich nicht aus kubanischem Nationalstolz, ganz im Gegenteil; es ist das, was Brasilianer berichten, und das bestätigen auch Dilma und Lula. Sie erreichten sogar Gebiete dieses riesigen Landes, das praktisch einem Kontinent gleicht, die zuvor noch nie medizinisch versorgt worden waren. Und dann kam die Bolsonaro-Regierung, eine durch und durch neoliberale Regierung, und sie machte diese Zusammenarbeit zunichte.

Die Brasilianer bedauern dies noch immer. Wir hegen keinerlei Rachegefühle oder Hass. Wir analysieren die Umstände, unter denen einige Länder auf unsere Dienste verzichtet haben, doch sobald sie uns wieder um Ärzte bitten, sind wir jederzeit bereit zu helfen. Das ist das Konzept unserer medizinischen Brigaden. Das ist unser Engagement, das ist die Bereitschaft unserer Bevölkerung. Wer einer medizinischen Brigade beitritt, wird dadurch nicht reich. Es bedeutet vielmehr ein Opfer: Die Betroffenen sind jahrelang von ihren Familien getrennt, die wir sie nach Möglichkeit während der Ferien besuchen lassen. Oft befinden sie sich in den entlegensten Gebieten dieser Länder, unter schwierigen Lebensbedingungen, und dennoch verrichten sie ihre Arbeit mit Hingabe. Wie viele Leben haben sie gerettet? Im Rahmen des ALBA-Projekts führten wir gemeinsam mit Venezuela die sogenannte „Operation Milagro durch. Millionen Lateinamerikaner, die an Sehbehinderungen und Krankheiten litten, die sie beinahe erblinden ließen, aber behandelbar waren, erlangten dank kubanischer Ärzte kostenlos ihr Augenlicht zurück.

BILDUNGSBRIGADEN UND ALPAHABETISIERUNG

Miguel Díaz-Canel: Wir verfügen auch über unsere Bildungsbrigaden. In Kuba gelang es uns 1962, in den frühen Jahren der Revolution, uns zu einem Gebiet frei von Analphabetismus  zu erklären. Mehr als 40 Jahre später, mit der kubanischen Methode „Yo sí puedo“ und der Präsenz kubanischer Bildungsbrigaden in lateinamerikanischen Ländern, konnten mehrere weitere lateinamerikanische Länder den Analphabetismus ausrotten. Doch wie viele Länder der Welt, in Afrika und auf anderen Kontinenten, sind heute noch nicht in der Lage, die Geißel des Analphabetismus zu überwinden, die ihre Bevölkerung lähmt, ihr die Möglichkeit zum Denken, zum Erwerb kritischen Denkens, zur Mitwirkung und zur wissenschaftlichen und kulturellen Entwicklung raubt?

Das sind unsere Wahrheiten, und das sind die Wahrheiten. Deshalb sind wir Ihnen so dankbar für die Gelegenheit, die Sie uns geben, mit der europäischen und der spanischen Öffentlichkeit zu sprechen, denn diese Wahrheiten werden ständig durch Medienmanipulation, durch diese Lügen-, Verleumdungs- und Rufmordkampagne untergraben, die ein Bestandteil dieses ideologischen, kulturellen und medialen Krieges ist, dem wir uns gegenübersehen.

 Und deshalb verwende ich immer den Ausdruck „die Perversität der US-Politik gegenüber Kuba“. Warum muss eine Supermacht, die führende Weltmacht, zu solch perversen, finsteren, unmoralischen und unanständigen Praktiken greifen, um eine kleine Insel so  schlecht darzustellen? Und damit kommen wir zurück zur Antwort auf Ihre Frage. Weil sie ein Beispiel ist.

DAS UNMORALISCHE VERHALTEN DER USA IN BEZUG AUF DIE ENERGIEBLOCKADE

Pablo Iglesias: Ich habe heute etwas erfahren, das mich sehr nachdenklich gemacht hat, und ich möchte dich bitten, es zu erklären. Die Vereinigten Staaten lassen ja kein Öl ins Land. Für die Kubaner ist es daher sehr schwierig, Benzin zu bekommen, weil man tagelang warten muss und die Verfügbarkeit praktisch auf das beschränkt ist, was es noch von vorher gab. Aber es stellt sich heraus, dass die US-Botschaft die kubanische Regierung gefragt hat: „Können Sie uns Benzin für unsere Botschaftsfahrzeuge importieren lassen?“ Wie konnte das passieren?

Miguel Díaz-Canel: Unmoralisch, nicht wahr? Es geht nicht darum, ob die gesamte Bevölkerung unter den von dir auferlegten Beschränkungen leidet und sondern nur daru, dass sie sich selbst retten wollen. Nein, nein. Finden Sie eine Lösung für die Energieblockade, und wir alle haben wieder Treibstoff. Das kubanische Volk wird Zugang haben, alle Institutionen des Landes – private wie staatliche – alle Botschaften werden Zugang haben, aber es muss gleichberechtigt sein, denn es kann nicht sein, dass der Verantwortliche sich nun als Opfer darstellt oder die Situation ausnutzt. Das ist unmoralisch, das ist unanständig.

DIE HISTORISCHE BEZIEHUNG ZWISCHEN MEXIKO UND KUBA

Pablo Iglesias: Gestern schrieb der inzwischen pensionierte Präsident López Obrador in den sozialen Medien: „Ich bin sehr betroffen von dem, was dem kubanischen Volk widerfährt.“ Das kubanische Volk und Kuba selbst bleiben ein Symbol, das weltweit das Gewissen aufrüttelt. Jahre vergehen, vieles ändert sich, doch die Wirkung bleibt bestehen, genau wie im Fall der Palästinenser. Es gibt also Dinge, die viele Menschen fassungslos machen. Andrés Manuel López Obrador, der sonst schweigt – ich meine, der ehemalige mexikanische Präsident, der immer wieder sagt: „Ich gehe, und dann bin ich auch gegangen“ –, also er ist praktisch von der Bildfläche verschwunden und nutzt keine sozialen Medien. Und nun bricht er nach über einem Jahr sein Schweigen zum zweiten Mal, um über Kuba zu sprechen. Und für viele weitere Menschen, die mit der Flottille und dem Treffen der Progressiven Internationale hierhergekommen sind, ist dies ein Symbol. Wie fühlen Sie sich angesichts dieser entstehenden Solidarität, obwohl viele Staaten den Vereinigten Staaten immer noch skeptisch und ängstlich gegenüberstehen und es immer noch Menschen gibt, die sagen: „Wir sind bereit, Solidarität mit Kuba zu zeigen“?

Miguel Díaz-Canel: Das weckt gemischte Gefühle. Da ist zunächst Bewunderung, Respekt und Verbundenheit gegenüber all jenen, die uns helfen und Solidarität zeigen. Ich habe das selbst erlebt, wenn wir Menschen getroffen haben, die nach Kuba gekommen sind, um ihre Solidarität zu bekunden, oder wenn wir auf Dienstreisen immer wieder die Gelegenheit hatten, Freunde Kubas in anderen Ländern zu treffen. Es ist beeindruckend zu sehen, wie Kuba für so viele Menschen in so unterschiedlichen Teilen der Welt zum Mittelpunkt des Lebens geworden ist und wie das Thema Kuba sogar unterschiedliche Tendenzen vereinen kann.

Und ich glaube an die menschliche Gattung, an die Menschen. Ich glaube, dass die meisten Menschen auf der Welt, unabhängig von Glauben oder Ideologie, gute Menschen sind. Und ich glaube, dass Kuba sich als gerechte Sache erwiesen hat. Ich würde sogar sagen, eine Sache, die von fast der ganzen Welt unterstützt werden könnte. Kubas Unterstützung und Solidaritätsbekundungen wecken daher viel Mitgefühl. Dieses anfängliche Engagement, dieses Gefühl von Respekt, Verbundenheit und Bewunderung – denn man fragt sich ja: Wie ist es möglich, dass es an einem so abgelegenen Ort der Welt Menschen gibt, deren Leben sich um die Verteidigung Kubas dreht?

Darüber hinaus tun sie es mit enormem Willen und systematischer Hingabe, denn wir wissen, dass wir diejenigen nicht im Stich lassen können, die in Kuba eine Hoffnung sehen, den Triumph einer Utopie oder das, was sie sich für ihre eigenen Länder wünschen. Es entsteht auch ein Gefühl der Verbundenheit, eine Beziehung, die durch diese Haltung geschmiedet wird. Es gibt zum Beispiel historische Beziehungen zwischen Ländern wie Mexiko. Ich glaube, dass AMLO ein treuer Anhänger der konsequenten Politik Mexikos auf der internationalen Bühne und der konsequenten Politik Mexikos gegenüber der kubanischen Revolution ist.

Mexiko und Kuba sind durch vielfältige historische Bande eng miteinander verbunden. Mexikaner nahmen an unseren Unabhängigkeitskriegen teil. Kubaner waren eng mit Benito Juárez verbunden, sie waren Teil der Mexikanischen Revolution, gehörten zu Juárez' engstem Kreis, Fidel Castro und den Granma-Expeditionsmitgliedern, die im mexikanischen Exil die Revolution organisierten. Die Granma selbst stammte aus Mexiko. Kubanische Künstler und Intellektuelle pflegen seit jeher Beziehungen zu Mexiko. In Kuba sendet jeder Radiosender in jeder Stadt mindestens einmal wöchentlich ein Programm mit mexikanischer Musik. Mit anderen Worten: Wir sind kulturell sehr eng verbunden. Und in den frühen Jahren der Revolution, in den 1960er Jahren, als die Vereinigten Staaten ebenfalls Druck ausübten, um Kuba zu isolieren, war Mexiko das einzige lateinamerikanische Land, das die Beziehungen zu Kuba nicht abbrach. Und es scheint, als wiederhole sich die Geschichte nun. Sie üben Druck aus, sie streben Isolation an, sie wollen, dass Kuba allein dasteht. Und AMLO kehrt aus dem Ruhestand zurück, um Kuba mit Verantwortungsbewusstsein, Loyalität, Originalität und Mitgefühl zu unterstützen – und wir kennen seine Aufrichtigkeit. Aber Claudia, die Präsidentin von Mexiko, die wir bewundern und lieben und die auch beim kubanischen Volk zunehmend Bewunderung findet – ich weiß nicht, wie viele Kubaner Claudia persönlich sagen möchten, wie sehr sie sie bewundern und schätzen.

Claudia verteidigt Kuba jeden Tag, jeden Tag sucht sie nach Möglichkeiten, uns zu helfen. Jeden Tag stellt sie sich den Lügen der Medienmanipulation gegen Kuba entgegen. Das schafft ein Verhältnis des Verständnisses, der Integration und der Verantwortung. Und warum sollte man das nicht sagen? Ich sage das ganz ohne Eitelkeit. Es gibt einem auch ein Gefühl der Zufriedenheit, weil man sagen kann: „Wir haben unsere Zeit nicht verschwendet, wir haben etwas gegeben und bekommen auch etwas zurück.“ Nicht, weil wir es im Austausch tun, sondern weil ich glaube, dass wir damit die Idee fördern, dass wir uns alle gegenseitig helfen können, dass die Welt ein besserer Ort wird, wenn wir uns alle gegenseitig helfen. Und ich denke, so tragen auch wir ein wenig dazu bei, diese Idee zu verteidigen.

Und nun, nun ja, wir haben ja heute Morgen mit dir gesprochen. Ich bin gerade von der Begrüßungszeremonie des Konvois zurück. Gestern haben wir uns mit den Teilnehmern getroffen. Ich war gestern überglücklich. Und auch heute bin ich nach dieser Veranstaltung noch immer voller Begeisterung. In so kurzer Zeit haben sich so viele Menschen aus den unterschiedlichsten Verhältnissen, die auch aus einfachen Bevölkerungsschichten stammen, zusammengefunden. Sie haben sich organisiert, ihre Tickets selbst bezahlt, Solarpaneele, Lebensmittel und Medikamente gesammelt und sind mit der Absicht gekommen, nach Kuba zu reisen, aber sie tun es auch aus Altruismus. Sie haben Motorräder und Elektrofahrzeuge gemietet, um, wie sie sagen, die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, nicht zu verschärfen. Sie haben in den einfachsten Unterkünften übernachtet und sprechen mit den Menschen vor Ort, um die Wahrheit aus erster Hand zu erfahren. Und ich sage Ihnen, das stärkt die Überzeugungen, festigt das Engagement und führt zu einem Gefühl der Loyalität und Treue. Wir dürfen sie nicht verraten, wir dürfen sie nicht im Stich lassen. Ich glaube, all diese Gefühle sind vorhanden, und vor allem hat sich eine Idee durchgesetzt: Kuba ist nicht allein. Wie kann Kuba allein sein, wenn es diese Demonstrationen aus verschiedenen Teilen der Welt gibt?

BILANZ ,VERANTWORTUNG UND VERSCHOBENE TRÄUME

Pablo Iglesias: Ich habe mit einigen Kubanern gesprochen, die mir sagten: „Ich bin nicht rechtsextrem, ich erkenne die Errungenschaften der Revolution an, und was Trump betrifft, bin ich in erster Linie Kubaner. Aber ich wünschte, unsere Regierung würde sich auch mal selbstkritisch hinterfragen, denn wir sind uns nicht immer bewusst, dass sie alles richtig gemacht hat.“ Natürlich ist es sehr schwierig, in der Regierung alles richtig zu machen. Wenn du Bilanz ziehen müsstest, sagen wir, was würdest du anders machen, wenn du die Zeit zurückdrehen könntest …

Miguel Díaz-Canel: Nun,wir sind ständig mit uns selbst beschäftigt und kritisieren uns. Selbst die Debatten der letzten Zeit waren sehr grundlegende Diskussionen über die Lage des Landes, weniger über Schuldzuweisungen.  Wir suchen nach Antworten, aber vielmehr: Welche Verantwortung tragen wir dafür, dass die Dinge nicht so oder so verlaufen sind? Denn es haftet immer noch das Stigma der Blockade und der belagerten Insel an,. Aber wenn das nicht aufhört, was können wir tun, um weiter voranzukommen?  In diesem Sinne haben wir eine ganze Reihe von Veränderungen angestoßen, die nicht neu sind; sie finden schon seit Jahren statt. Fakt ist, dass es neben möglichen Mängeln oder Unzulänglichkeiten unsererseits auch mit den Einschränkungen zu tun hat, die die Blockade unserem Fortschritt auferlegt. Wir haben Träume aufgeschoben, anstehende Erfolge verstreichen lassen, Dinge, die nicht in dem Tempo voranschreiten konnten, wie wir es uns gewünscht hätten.

Wir haben beispielsweise die Bürokratie und mitunter auch die Art und Weise, wie Probleme angegangen werden, um sie zu lösen, stark kritisiert. Angesichts der Verfahrens- und Reaktionszeiten, die nicht schnell genug waren, einiger organisatorischer oder kreativer Probleme in bestimmten Bereichen. Wir müssen uns alle zu verschiedenen Zeitpunkten im Jahr vor der Bevölkerung, vor Führungsgremien verantworten. Das veranlasst uns stets, unsere eigene Leistung kontinuierlich zu überprüfen, und wir nehmen das alles sehr ernst.

Wir beobachten die öffentliche Meinung kontinuierlich und suchen nach Antworten. Viele wichtige Entscheidungen der letzten Zeit, wie die Verfassung, das Familiengesetzbuch, das Kinder-, Jugend- und Adoleszentengesetzbuch und das Wirtschaftsprogramm der Regierung, wurden öffentlich konsultiert. In einigen Fällen haben wir sogar zwei sehr demokratische Prozesse durchgeführt: eine öffentliche Anhörung und ein Referendum. Und dennoch behaupten manche, wir seien nicht demokratisch und würden die Beteiligung der Bevölkerung nicht berücksichtigen.

Ich fordere meine Kolleginnen und Kollegen in den Arbeitsgruppen, in der Regierung, in der Partei und in den Institutionen stets dazu auf, dass alle unsere Vorschläge unter Einbeziehung der Bevölkerung und mit deren Kontrolle geprüft werden. Bürgerbeteiligung und -kontrolle sind unerlässlich. Und im Rahmen dieser Beteiligung müssen junge Menschen das Gefühl haben, dass sie etwas beitragen können, dass ihre Ideen und ihr Input geschätzt werden. Nichts davon ist ideal. Es handelt sich um sehr komplexe Prozesse, die wir in sehr schwierigen Situationen durchführen.

DIE 32 KUBANISCHEN HELDEN 

Pablo Iglesias: Ich möchte mit einem Thema schließen, das wir hier auf diesem Felsen in der Sierra Maestra besprechen. Bei der Entführung von Nicolás Maduro ließen 32 Kubaner ihr Leben, um einen ausländischen Politiker zu verteidigen. Es ist nicht das erste Mal, dass Kubaner ausländische Politiker beschützt haben. Ich möchte Sie bitten, ein paar Worte über diese Männer zu sagen.

Miguel Díaz-Canel: YoIch glaube, dieses Ereignis hat alle im Land erschüttert. Ich erinnere mich, dass wir frühmorgens die ersten Nachrichten über die Geschehnisse in Venezuela erhielten; die Berichte waren sehr vage, bis wir erfuhren, dass 32 Parteigenossen gestorben waren. Und ich erinnere mich, dass wir sofort zum Präsidentenpalast gingen, unsere Parteigenossen zusammenriefen und eine Gruppe organisierten, um Möglichkeiten zur Unterstützung Venezuelas zu besprechen und diesen absolut brutalen und illegalen Akt der Aggression anzuprangern: die Entführung des Präsidenten und seine Verschleppung in die Vereinigten Staaten. Und ich erinnere mich, dass wir um 8:00 Uhr morgens begannen, die Bevölkerung zu einem offenen Forum auf der antiimperialistischen Tribüne aufzurufen, um die Situation anzuprangern, in der Hoffnung, bis 10:00 Uhr Tausende von Menschen zu versammeln. Wir arbeiteten weiter, und währenddessen bereiteten sich andere vor. Ich kam um 9:30 Uhr mit einigen Familienmitgliedern und anderen Kollegen auf der antiimperialistischen Tribüne an. Es war überfüllt, Pablo. Die Menschen waren erschüttert, voller starker Gefühle und tiefem Engagement – ​​in einem Ausmaß, das ich in nur zwei Stunden für unmöglich gehalten hätte. So sehr, dass wir den Beginn der Veranstaltung verschieben mussten, weil die Zeit für die technischen Vorbereitungen – den Aufbau der Leinwände, der Tonanlage – nicht ausgereicht hatte. Die Menschen handelten schneller, als wir alles andere tun konnten, um die Veranstaltung zu ermöglichen. Es war eine sehr bewegende, tief empfundene Veranstaltung. Die Reaktionen der Stadtbewohner darauf waren tiefgreifend, und wenige Tage später kehrten die sterblichen Überreste unserer Leute zurück. Ein Marsch des Kämpfenden Volkes.

Wir zogen an der US-Botschaft in Kuba vorbei. Es war eine Zeremonie. Anschließend hielt ich eine Rede, und dann begann der Marsch. Es war ein wahrhaft bewegendes Ereignis – emotional, im Sinne der Einheit und des Kampfgeistes. Was da marschierte, war kein besiegtes Volk, sondern ein entschlossenes Volk, das seine Überzeugungen bekräftigte.

 Ich glaube, dieses Ereignis birgt eine tiefe Symbolik, und die Zeit wird zeigen, was die Geschichte wirklich bedeutet. Welches Ausmaß hatte die Leistung dieser kubanischen Helden tatsächlich? Für uns sind sie Helden, weil 32 Kubaner eine US-amerikanische Eliteeinheit besiegen konnten, obwohl sie zahlenmäßig unterlegen, technisch und was die kämpferischen Mittel anging,benachteiligt waren – und das völlig überraschend. Dies zeigt, wozu Millionen von Kubanern fähig sind, wenn sie die Insel, die Revolution und ihr Vaterland verteidigen.

 Ich erinnere mich, dass der Präsident der Vereinigten Staaten anfangs in einigen Stellungnahmen anerkannte, dass sie hart gekämpft und Widerstand geleistet hatten. Diese Äußerungen sind inzwischen verloren gegangen. Vielleicht bereuten sie ihre Worte, aber ich glaube, sie haben eine Lehre daraus gezogen. Viele von ihnen waren jung, viele hatten noch nie Kampferfahrung, aber sie waren ausgebildet und bewiesen ihre Bereitschaft, einer solchen Situation zu begegnen. Ich habe mit einigen von ihnen gesprochen, darunter auch mit einigen, die sich von ihren Verletzungen erholten.

Und wenn man diese jungen Männer sieht, die man mitten in ihrer Genesungsphase besucht, und sie nicht über ihre Taten sprechen, sondern von Stolz auf eine erfüllte Pflicht und ihr Können erzählen, dann sagt man sich: „Es gibt keine Alternative. Absolut keine. Wir müssen das bis zum Schluss verteidigen.“ Und ich glaube, es ist ein so kraftvolles, so eindringliches, so notwendiges Symbol für diese entscheidenden Momente, dass wir ihnen für ihr Beispiel immer dankbar sein müssen.

Pablo Iglesias: Miguel, vielen,vielen Dank

Miguel Díaz-Canel: Canal, hoffentlich könndn wir uns wiedersehen

Pablo Iglesias: Ganz sicher