
Letzte Woche kam in einem Gerichtssaal in Los Angeles eine wichtige Information in der Debatte um das sogenannte „süchtig machende Design“ sozialer Medien ans Licht. Instagram-CEO Adam Mosseri gab unter Eid zu, jährlich rund 900.000 US-Dollar zu verdienen, zuzüglich leistungsbezogener Boni und Aktienoptionen, die in manchen Jahren „zig Millionen Dollar“ erreichten. Diese Zahl wurde im Zuge der Sammelklage gegen seine Muttergesellschaft Meta Platforms wegen der von Minderjährigen erlittenen Schäden bekannt.
Dieser Moment war aufschlussreich, da er einen Aspekt in den Vordergrund rückte, der in der öffentlichen Debatte oft vernachlässigt wird: Große digitale Plattformen sind keine neutralen Dienste, sondern private Unternehmen, deren Kernziel die Maximierung von Nutzungsdauer, Daten und zielgerichteter Werbung ist. Jede Minute, die ein Nutzer mit dem Scrollen verbringt, schlägt sich direkt oder indirekt im Börsenwert nieder. Und dieser Wert konzentriert sich letztendlich in den Gehältern der Führungskräfte, Aktienoptionen und persönlichen Vermögen.
Mosseri bestritt, dass Instagram im klinischen Sinne „süchtig machend“ sei, und verteidigte die Unterscheidung zwischen medizinischer Abhängigkeit und problematischem Gebrauch. Er behauptete außerdem, der Schutz von Minderjährigen sei „langfristig gut fürs Geschäft“. Interne Dokumente der Staatsanwaltschaft belegten jedoch, dass dem Unternehmen die schädlichen Auswirkungen bestimmter Filter auf das Selbstwertgefühl junger Menschen bewusst waren und dass deren Abschaffung die Wettbewerbsfähigkeit in Schlüsselmärkten beeinträchtigen könnte. Mit anderen Worten: Der Konflikt zwischen Gemeinwohl und Profitabilität ist nicht abstrakt, sondern manifestiert sich in internen E-Mails und Produktentscheidungen.
Seine Aussage dient als Einleitung zum Auftritt von Meta-Gründer und CEO Mark Zuckerberg, dessen persönliches Vermögen auf mehrere zehn Milliarden Dollar geschätzt wird. Das Plattformmodell hat eine neue wirtschaftliche Elite hervorgebracht, die darauf basiert, Aufmerksamkeit im globalen Maßstab zu erregen. Anders als in der traditionellen Industrie ist hier die wichtigste „Ressource“ kein physischer Rohstoff, sondern die Zeit und das Verhalten von Millionen von Nutzern.
Diese Konzentration wird noch deutlicher, wenn der Fokus erweitert wird. Google, Eigentümer von YouTube, hat eines der größten Werbeimperien der Welt aufgebaut, indem es Browser- und audiovisuelle Konsumdaten nutzt. X (ehemals Twitter), heute im Besitz von Elon Musk, veranschaulicht, wie selbst verlustbringende Plattformen zu Instrumenten politischer und medialer Macht sowie zu strategischen Finanzanlagen werden können.
In den US-Gerichten steht ein Präzedenzfall auf dem Spiel. Klagen konzentrieren sich nicht mehr allein auf Inhalte Dritter, sondern auf das gesamte Produktdesign. Es geht um die Faktoren, die endloses Scrollen, Autoplay, ständige Benachrichtigungen und Empfehlungssysteme anregen. Es soll verdeutlicht werden, dass der Schaden nicht nur von dem herrührt, was wir sehen, sondern auch davon, wie wir zum endlosen Konsum verleitet werden.
Private Plattformen operieren mit einem strukturellen Anreiz: Je mehr Zeit wir dort verbringen, desto mehr verdienen sie. Unser Verhalten dort führt zu wachsendem persönlichen Vermögen, während die sozialen Kosten – von Ängsten junger Menschen bis hin zu politischer Polarisierung – externalisiert werden. Der Prozess in Los Angeles wirft ein Schlaglicht auf diese Erzählung vom technologischen Erfolg. Er zwingt uns zu fragen, wer wirklich vom digitalen Ökosystem profitiert und wer die Folgen trägt.
Das Verständnis dieses Zusammenhangs zwischen Algorithmen und Reichtum ist ein erster Schritt zu einer umfassenderen Debatte. Es geht nicht nur um die Regulierung von Bildschirmen, sondern um die Diskussion eines Wirtschaftsmodells, das den Alltag zur Ware macht. Hinter jeder Aktion auf den großen globalen Plattformen stehen Aktionäre, Führungskräfte und gewaltige Vermögen, und auf der anderen Seite Millionen von Menschen, deren Aufmerksamkeit dieses finanzielle Gebilde am Laufen hält.




