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Alle US-Regierungen, die der Offensive „Manifestiertes Schicksal“ anhingen, verstärkten ihre facettenreiche und interventionistische Präsenz – mit besonderer Aggressivität in Zentralamerika und der Karibik Photo: ContrahegemoníaWeb

Der internationale Analyst aus Venezuela Sergio Rodríguez Gelfenstein behauptete vor einigen Wochen, dass der politische Moment, den Lateinamerika zurzeit erlebe, der einer konservativen Restauration – ebenso begünstigt durch interne Faktoren, wie es der Aufstieg einer neuen Rechten war, die aus den Niederlagen im progressiven Zyklus Anfang des 21. Jahrhunderts gelernt hat, wie auch durch äußere wie den Wahlsieg Donald Trumps und die imperiale Radikalisierung der Außenpolitik der Vereinigten Staaten – den größten Rückschritt in der lateinamerikanischen Geschichte bedeute.  

„Wir kehren zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts zurück“, präzisierte Gelfenstein, zu den Zeiten „wachsender Militär- und Wirtschaftsintervention der US-Macht in Lateinamerika, vor allem in der Karibik“. Er hat Recht mit seinen Worten.

Tatsächlich installierte das aufstrebende Reich der Vereinigten Staaten seine Basen, um Unser Amerika zu beherrschen, vor einem Jahrhundert, wobei es die Gelegenheiten nutzte, die ihm die interimperiale Rivalität bot, in der eine Welt debattierte, die sich nach dem großen Krieg (1914-1917) in sozialen, ökonomischen und geopolitischen Krämpfen wand. Es kam zu einer konsequenten Rekonfigurierung, einer Neuverteilung geographischer Einflusszonen unter den Siegermächten.

Eine Welt, die außerdem unaufhaltsam auf die Kapitalkrise von 1929 zusteuerte, in deren Schoß die Keime von Faschismus und Nazismus gediehen.

Auf diese Weise, mit dem Übergang der britischen Hegemonie in Lateinamerika auf die US-amerikanische, der sich mit den Ergebnissen des II. Weltkriegs konsolidierte, öffnete sich ein neuer historischer Moment in der Entwicklung des Phänomens Imperialismus, den Rodrígo Quesada, ein Historiker aus Costa Rica, als „permanenten Imperialismus“ charakterisierte.  

In den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts – die Quesada als die Ära der Interventionen bezeichnet – etablierte Washington die Hauptlinien dessen, was seither seine Außenpolitik gegenüber Lateinamerika gewesen ist, gestützt durch die Monroe-Doktrin als ideologische Rückendeckung für Politik und Diplomatie, Kapitalinvestitionen und das Eindringen transnationaler Konzerne wie der United Fruit Company sowie die militärische Überlegenheit (besonders der Marine) als strategische Achse ihrer imperialistischen Aktionen und der Ausdehnung der Grenze nach Süden hin.

In diesem Sinne waren die Beiträge des Admirals Alfred T. Mahan auf dem Gebiet der Militärtheorie in der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts gewiss entscheidend für die Regierungseliten, die in dessen Ideen die Interpretation der Geschichte und die angebliche zivilisatorische Mission der Vereinigten Staaten fanden – Argumente, um ihr imperialistisches Projekt vor der US-amerikanischen Gesellschaft zu legitimieren.

Mahan verfocht den Standpunkt, dass sein Land sich in der dritten Phase des „Manifestierten Schicksals“ befinde, das den Besitz einer Kanalroute für Zentralamerika erfordere, strategische Basen im Pazifik und die Dominanz in der Karibik zwischen der Ostküste der USA und Panama“, was, um als imperiales Projekt angenommen zu werden, „eine gewalttätige Expansionsoffensive“ notwendig mache, „die in einer Kombination aus den alten kolonialen Methoden mit modernsten Formen der Penetration des Kapitalismus“ durchgeführt werden müsse.

Alle US-Administrationen, die dieser Offensive anhingen, verstärkten ihre facettenreiche und interventionistische Präsenz – mit besonderer Aggressivität in Zentralamerika und der Karibik. So erhielten und vertieften sie das Protektorat auf Kuba, die militärische Besetzung Puerto Ricos und die Verabschiedung der Souveränitätsrechte über den Panamakanal; sie brachten die Finanzintervention und den späteren Militäreinmarsch in der Dominikanischen Republik (1916-1924) auf den Weg, außerdem die Besetzung Haitis (1915-1934) und Nicaraguas (1912-1933), stützten die Diktaturen der Generäle Jorge Ubico in Guatemala, Maximiliano Hernández Martínez in El Salvador und Tuburcio Carías Andino in Honduras.

Wie 1931 der kubanische Historiker und Patriot Emilio Roig de Leuchsenring in der Costa-ricanischen Zeitschrift Repertorio Americano schrieb, „geben Diktatur und Imperialismus einander die Hand und marschieren gemeinsam durch unsere Völker in Hispanoamerika auf ihrem Weg der Ausbeutung und Zerstörung“

Deshalb: Wenn wir heute, 100 Jahre später, Zeuge werden, wie Washington die Loyalität der Regierungen der Region auf der panamerikanischen Theaterbühne OAS auf den Prüfstand stellt – als Vorübung zu ihren Plänen eines Militäreinmarsches in Venezuela, wenn wir Zeuge werden, wie Washington die Demontage von über einem Jahrzehnt sozialer Politik und der Verstärkung von Menschenrechten zelebriert, um an deren Stelle zum Vasallentum der Auslandsschulden und dem Kuratel des Internationalen Währungsfonds zurückzukehren, wenn wir Zeuge werden, wie Washington die konservative Kehrtwende rechter Regierungen unterstützt – einige geboren aus Staatsstreichen neuen Typs –, dann können wir nicht umhin, mit Schmerz an die Nachgiebigkeit einiger Staatsführungen zu denken, die bereitwillig die Türen Unseres Amerikas dem Trojanischen Pferd des Nordens öffnen.

Es sind die Lektionen einer drückenden und blutigen Vergangenheit, die wir in dieser unserer Gegenwart der Unsicherheiten und Ängste immer wieder aufs Neue lernen müssen.

Der Autor ist Dozent und Forscher des Instituts für Lateinamerikanische Studien der Nationalen Universität von Costa Rica