OFFIZIELLES ORGAN DES ZENTRALKOMITEESDER KOMMUNISTISCHEN PARTEI KUBAS
Photo: Estudios Revolución

Kristen Welker-  Präsident Díaz-Canel, willkommen zu Meet the Press.
Miguel M. Díaz-Canel-  Vielen Dank Ihnen für die Gelegenheit und danke, dass Sie nach Kuba gekommen sind. 
Kristen Welker-  Vielen Dank, dass Sie uns in Ihr schönes Land eingeladen haben, es ist uns eine Ehre. 
Miguel M. Díaz-Canel-  Für uns ist es eine Freude Sie hier zu haben. 
Kristen Welker-  Danke, vielen, vielen Dank. 
Ich möchte mit Präsident Trump beginnen. Er sagte, er habe Pläne, Kuba in irgendeiner Form zu übernehmen. Er sagte: „Ich glaube, ich kann mit Kuba machen, was ich will.“ Nehmen Sie Trumps Drohungen ernst?
Miguel M. Díaz-Canel- Ich glaube, dass in den letzten Tagen viele Äußerungen gefallen sind, nicht nur vom Präsidenten, sondern auch von anderen US-Regierungsbeamten, die eine aggressive Rhetorik gegenüber Kuba offenbaren. 
Man muss die Geschichte unseres Landes kennen. Unsere Identität ist tief in den Werten der Souveränität und Unabhängigkeit verwurzelt. 150 Jahre lang kämpfte Kuba, zunächst um sich vom Kolonialismus zu befreien und dann von der Neokolonie. Mit der Kubanischen Revolution und ihrem Triumph im Januar 1959 wurden zahlreiche Abhängigkeiten beseitigt, die Unterwerfung unter eine fremde Macht aufgehoben und eine Reihe positiver Folgen für das Land herbeigeführt, auf die das kubanische Volk nicht bereit ist zu  verzichten. Einer der brillantesten Generäle unserer Unabhängigkeitskriege, Antonio Maceo, sagte: „Wer versucht, Kuba zu erobern, wird nur den blutgetränkten Staub seiner Erde aufsaugen, wenn er nicht im Kampf fällt.“
Wir sind ein Land des Friedens. Wir befürworten keinen Krieg, wir mögen keinen Krieg, wir fördern Solidarität und Zusammenarbeit zwischen den Völkern, aber wir sind bereit, den Frieden, den wir uns wünschen, zu verteidigen. Deshalb lassen wir uns nicht einschüchtern und wollen weder einen Überraschungsschlag noch wollen wir besiegt werden. Das ist eine Interpretation dieser Bedrohung zu begegnen und sie entspricht Position Kubas. Die andere Interpretation lautet, Kuba werde von selbst zusammenbrechen, und man versucht, uns als gescheiterten Staat oder als ein Land abzustempeln, das kurz vor dem Zusammenbruch steht. Dies wird jedoch von der Realität widerlegt: Wie hat ein Land wie unseres in 67 Jahren allen Arten von Druck und Aggressionen standgehalten, darunter sogar über 60 Jahre lang die längste Blockade der Geschichte – eine verbrecherische, völkermörderische Blockade? Es gäbe viel zu diesen Themen zu diskutieren, aber ich möchte betonen, dass das kubanische Volk, die kubanische Revolution, bereit ist, sich zu verteidigen.


Kristen Welker-  Gehen wir zur nächsten Frage über. 
Präsident Trump will Kuba übernehmen, genau wie er es mit Präsident Maduro in Venezuela und im Iran getan hat, wo er den Obersten Führer ermordete. Glauben Sie, dass Sie von der US-Regierung verhaftet oder getötet werden könnten?
Miguel M. Díaz-Canel-  Das ist eine sehr interessante Frage. Ich mag es nie, wenn Parallelen zwischen Kuba und anderen Nationen gezogen werden, denn wir haben unsere eigene Geschichte, wir agieren unter unseren eigenen Bedingungen, und es zeugt von einem mangelnden Verständnis für unsere Geschichte, die Stärke unserer Einheit und die Stärke unserer Institutionen. 
Diejenigen von uns, die innerhalb der Revolution Verantwortung übernehmen, sind der Revolution verpflichtet, vor allem unserem heldenhaften Volk. Und dieses Verantwortungsgefühl schließt die Überzeugung ein, dass wir bereit sind, unser Leben für die Revolution, für die Sache, die wir verteidigen, zu geben. Daher bereitet mir das keine Sorgen. 
Sollte es dazu kommen, glaube ich nicht, dass es irgendeine Rechtfertigung für die Vereinigten Staaten gäbe, einen Angriff auf Kuba zu provozieren oder einen chirurgischen Putsch zu unternehmen oder einen Präsidenten in Kuba zu entführen. Wenn es dazu käme, würde es einen Kampf geben. Wir werden uns verteidigen, und wenn wir sterben müssen, werden wir sterben, denn wie es in unserer Nationalhymne heißt: „Für das Vaterland zu sterben, heißt zu leben.“
Hier liegt jedoch ein Missverständnis vor: Die Führung der Kubanischen Revolution wird fälschlicherweise oft auf eine einzelne Person reduziert. Mal verkörperte der Comandante en Jefe diese Rolle, dann der Armeegeneral, und nun versucht man, sie mir zuzuschreiben. Doch wir haben eine kollektive Führung, die sich durch Einheit, Zusammenhalt, ideologische Geschlossenheit und revolutionäre Disziplin auszeichnet. Daher löst die Entfernung einer einzelnen Person aus der Führungsstruktur der Revolution keinerlei Probleme. Im Gegenteil, Hunderte von Menschen sind in der Lage, diese Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Und wir sind auf jede Situation vorbereitet
Kristen Welker-  Was Sie sagen, ist sehr eindrücklich, aber haben Sie Angst um sich selbst, um Ihre Familie? Sind Sie, wie Sie sagen, bereit, im Falle eines Angriffs das ultimative Opfer zu bringen?

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Miguel M. Díaz-Canel-  Ich habe keine Angst; ich bin bereit, mein Leben für die Revolution zu geben. Natürlich wünsche ich mir nicht, dass die US-Regierung diese Haltung einnimmt. Ich glaube nicht, dass das Volk der USA, ein sensibles Volk, es zulassen oder gutheißen würde, dass ihr Land, ihre Regierung, in eine kleine Insel einfällt, die keine nationale Sicherheitsbedrohung für die USA darstellt; eine Insel, die Frieden will, eine Insel, die den Dialog sucht, eine Insel, deren Bevölkerung eine direkte Beziehung zum Volk der Vereinigten Staaten wünscht – das würden sie befürworten. Welche Rechtfertigung gäbe es dafür? 
Darüber hinaus hätte eine Aggression gegen Kuba Kosten: unnötige, vermeidbare Verluste an Menschenleben für beide Länder; materielle Kosten; und sie würde die Sicherheit und Stabilität der USA, Kubas und der gesamten Region gefährden. 
Ich glaube, wir müssen bei einer Entscheidung über ein Ereignis dieser Tragweite mit großer Verantwortung vorgehen. Und vor allem: Bevor wir eine solch völlig unlogische und irrationale Entscheidung treffen, gibt es eine gerechtere Logik: den Dialog zu suchen, zu diskutieren, zu debattieren und zu versuchen, Übereinkünfte zu erzielen, die uns von einer Konfrontation wegführen.


Kristen Welker-  Bereitet sich Kuba angesichts eines möglichen Angriffs der Vereinigten Staaten darauf vor? 
Miguel M. Díaz-Canel - Sehen Sie, wie ich schon oft in anderen Treffen, Interviews und auch im Gespräch mit dem kubanischen Volk gesagt habe: Es besteht eindeutig eine Bedrohung; sie liegt in der Rhetorik der US-Regierung. Kuba hat den Vereinigten Staaten nichts getan, um sie zu beleidigen. Kuba hat nie vorgeschlagen, die Vereinigten Staaten anzugreifen oder sich in ihre inneren Angelegenheiten einzumischen. Dennoch wird ständig behauptet, Kuba sei das nächste Ziel, Kuba werde angegriffen, es gäbe Auswege für Kuba, und man werde Kuba übernehmen. Daher ist dies aus meiner Verantwortung als Staatsoberhaupt eine Warnung, und wir müssen unser Volk, unser Projekt und unser Land verantwortungsvoll schützen. Ja, wir bereiten uns auf die Verteidigung vor.
Was ist also das Konzept hinter unserer Verteidigungsbereitschaft? Wir haben eine rein defensive Verteidigungsdoktrin; sie ist nicht aggressiv und stellt keine Gefahr für irgendjemanden dar. Es ist schlichtweg die Doktrin die man unter der Bezeichnung Krieg des Gesamten Volkes kennt, die auf den Erfahrungen unserer Geschichte basiert. Sie wurde in einer sehr schwierigen Phase unserer Geschichte, als wir auch einer ernsthaften Bedrohung durch die US-Regierung ausgesetzt waren, finalisiert und strukturiert. Sie beruht auf der Beteiligung der Bevölkerung: Jeder Kubaner und jede Kubanerin hat eine Mission, ein Ziel, ein zu verteidigendes Ziel, einen Platz und eine Position in der Verteidigung. Und sie basiert auf der Beteiligung der Bevölkerung, auf freiwilliger Teilnahme, und umfasst selbstverständlich die Verteidigungsbereitschaft auf allen Ebenen und in allen Bereichen unserer territorialen Verteidigung; aber es ist ein rein defensives, kein aggressives Konzept. Darüber hinaus gehen wir von der Prämisse aus, dass die Vorbereitung auf unsere Verteidigung der beste Weg ist, Krieg zu vermeiden und Frieden zu bewahren. Ich möchte noch weiter gehen: Ich glaube, dass das Volk der USA und das kubanische Volk in ihren Beziehungen weder Aggression noch die Sprache des Krieges verdienen. Was das Volk der Vereinigten Staaten und das kubanische Volk verdienen, ist Frieden – ein Frieden, der uns eine Atmosphäre des Vertrauens, der Zusammenarbeit, der Solidarität und natürlich des Verständnisses ermöglicht.

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Kristen Welker-  Glauben Sie, wenn es dazu kommt, dass die kubanische Armee mi Kampf gegen die Vereinigren Staaten erfolgreich sein könnte?

Miguel M. Díaz-Canel-  Wenn wir von der Verteidigung Kubas sprechen, sprechen wir von unseren ruhmreichen Revolutionären Streitkräften, aber auch von unserem Volk, das in verschiedenen Bereichen dieser territorialen Verteidigung mitwirkt. Ja, wir werden siegen, ja, wir können siegen. Es gibt keinen Feind, der nicht besiegt werden kann.
Kristen Welker -  Aber gegen die Vereinigten Staaten, die größte Macht der Welt? 

Miguel M. Díaz-Canel -  Die Vereinigten Staaten haben eine besondere Auffassung von Kriegsführung. Unser Konzept der Territorialverteidigung basiert auf irregulärer, asymmetrischer Kriegsführung, bei der sie zwar punktuell Erfolge erzielen mögen; doch eine Invasion und Besetzung kubanischen Bodens wäre für sie nicht aufrechtzuerhalten, denn es gibt eine feste Überzeugung – ich erinnere mich an Maceos Worte: Er wird nur den Staub seines blutgetränkten Bodens aufsaugen, wenn er im Kampf nicht stirbt. Und das ist keine Parole, keine leere Floskel. Wenn Sie jetzt auf die Straße gehen und einem Kind, einem älteren Menschen, einem Kubaner, einem Jugendlichen den ersten Teil dieses Satzes sagen, werden sie ihn sofort vervollständigen, denn so sind wir erzogen worden, und es ist tief in uns verwurzelt. Ich wiederhole: Das ist nicht, was wir wollen. Wir wollen keinen Krieg, wir wollen keine Konfrontation. Das hätte für alle einen sehr hohen Preis.

Kristen Welker -  Gut, ich möchte Sie zu diesem außergewöhnlichen Moment befragen. Die Vereinigten Staaten haben die Treibstofflieferungen an Kuba eingestellt, Russland hat sie aber wieder aufgenommen. Glauben Sie, dass die Russen die Erlaubnis hatten, Kuba zu helfen? Wie hat sich das entwickelt?


Miguel M. Díaz-Canel-  Ich glaube, noch nie zuvor wurde ein so alltägliches Ereignis wie der Handel zwischen zwei Ländern von Presse und Öffentlichkeit in verschiedenen Teilen der Welt so aufmerksam verfolgt wie die Ankunft des russischen Treibstoffschiffs, das als humanitärer Hilfe eintraf. Mit anderen Worten: Es handelte sich nicht um eine kommerzielle Transaktion.
 Ich bin der Ansicht, dass Kuba wie jedes andere Land das Recht hat, Öl zu importieren. Und alle Länder haben auch das Recht, Öl nach Kuba zu exportieren. Daher ist diese Energieblockade, die die Blockade Kubas durch die Vereinigten Staaten weiter verschärft, höchst ungerecht. Die Verhängung einer Energieblockade gegen Kuba beweist einmal mehr die vielschichtige Aggression der US-Regierung gegen Kuba. Mit einem seit 67 Jahren andauernden Wirtschaftskrieg, einer seit über 60 Jahren bestehenden Blockade, die 2019 unter der ersten Trump-Administration verschärft, von der Biden-Administration selbst während der COVID-19-Pandemie aufrechterhalten wurde und nun durch die Energieblockade erneut ihren Höhepunkt erreicht und der kubanischen Bevölkerung verheerenden Schaden zufügt.
 Die Russische Föderation konnte dieses Schiff als humanitäre Hilfe entsenden. Die Vereinigten Staaten halten weiterhin an der Energieblockade fest; daher wissen wir nicht, wann ein weiterer Öltanker Kuba erreichen kann, obwohl wir das Recht dazu hätten. Auch das eingetroffene Schiff sollte keine falschen Hoffnungen wecken. Es ist zwar in der aktuellen Lage eine wichtige Hilfe, die wir anerkennen, deckt aber nur ein Drittel des monatlichen Treibstoffbedarfs Kubas. Mit anderen Worten: Wir können nicht glauben, dass die Situation damit bereits gelöst ist.
Nun handelt es sich um Rohöl, das wir raffinieren und im ganzen Land verteilen müssen. Einen bedeutenden Teil davon werden wir der Nutzung einer Stromerzeugungskapazität von mehr als 1.200 Megawatt widmen, die seit vier Monaten ungenutzt ist und uns eine bessere Energieversorgungssituation verschaffen könnte. Außerdem wird damit einige Wirtschaftstätigkeiten unterstützt.

Kristen Welker-  Wie lange können Sie überleben, wenn dass nächste Schiff mit Rohöl aus Russland nicht kommt?

Miguel M. Díaz-Canel -  Das ist eine äußerst interessante Frage, die in dieser schwierigen Zeit beantwortet werden muss. Kein Land der Welt kann ohne Energie eine florierende Wirtschaft entwickeln. Deshalb spreche ich von einer gewissen Perversität und Boshaftigkeit, wenn eine mächtige Nation, die sich als Aggressor aufspielt, ein kleines, ständig angegriffenes Land in eine solche Lage bringt. 
Aber wir haben nicht tatenlos zugesehen. Auf was haben wir gesetzt? Wir haben eine umfassende Strategie und ein Programm zur Revitalisierung des Energiesektors im Land: Erstens wollen wir uns stärker auf heimisches Rohöl als auf Importe verlassen. Kuba verfügt über Ölfelder; sie reichen zwar nicht aus, um unseren gesamten Bedarf zu decken, aber wir können die Ölproduktion steigern – und das tun wir auch. Wir erkunden weitere Felder und sind offen für ausländische Investitionen in die Ölförderung und -exploration in Kuba. Dies wäre sogar eine Gelegenheit für US- Geschäftsleute, sich an Energieinvestitionen in Kuba zu beteiligen. Das Problem ist, dass die Blockade dies verhindert, aber Kuba würde US-Unternehmen, die sich am kubanischen Energiegeschäft beteiligen wollen, ohne jegliche Vorurteile willkommen heißen. Das ist der eine Punkt.
Andererseits haben wir uns Wissenschaft und Innovation zugewandt. Unsere Wissenschaftler haben Technologien zur Raffination von kubanischem Rohöl entwickelt, das aufgrund seines hohen Schwefelgehalts sehr schwer ist. Wenn wir die Produktion steigern, könnten wir daher eine gewisse Verfügbarkeit erreichen – zwar nicht ausreichend, um unseren gesamten Bedarf zu decken, aber immerhin eine Verfügbarkeit, die wir heute noch nicht haben – mit Produkten aus der Raffination von kubanischem Rohöl. Darüber hinaus haben wir eine umfassende Energieumwandlungsstrategie mit verstärkter Nutzung erneuerbarer Energien und natürlich auch eine Strategie zur Steigerung der Energieeffizienz entwickelt. All dies zusammen wird uns – oder führt uns bereits – in eine andere Situation führen. Es ist nach wie vor komplex und wird Zeit brauchen, aber wir werden durchhalten können.


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Kristen Welker- Doch wie lässt sich die Stärke des kubanischen Regimes in dieser Zeit beurteilen, in der es zum Überleben auf Russlands Unterstützung angewiesen ist?  
Miguel M. Díaz-Canel-  Wir brauchen vor allem unser eigenes Volk und unsere eigenen Fähigkeiten. Besonders hervorzuheben ist die Kreativität, mit der unser Volk den Widrigkeiten der Blockade, der verschärften Blockade und nun der Energieblockade begegnet ist.
 Ich beschreibe immer wieder die Haltung unseres Volkes, auf das ich ungemein stolz bin, denn es beweist immer wieder seine Widerstandsfähigkeit und seinen kreativen Widerstand. Das kubanische Volk leistet keinen Widerstand, indem es ausharrt, alles erträgt und sich demütigt. Im Gegenteil, es leistet Widerstand und wird dadurch stärker; es ist innovativ, es ist schöpferisch und kann so Widrigkeiten überwinden. Daher liegt unsere Stärke im Volk und in der Einheit mit ihm.
 Die Hilfe Russlands, Chinas, Vietnams, Mexikos und anderer Länder ist uns willkommen. Auch die Vereinigten Staaten könnten eine andere Sichtweise auf Kuba entwickeln, eine, die nicht auf Konfrontation, Aggression und Blockade beruht, und Kuba ebenfalls unterstützen. 
Schadet es der Entwicklung Kubas? 

Kristen Welker-  Präsident Trump sagt, dass dies ein Land am Rande des Zusammenbruchs sei.
Miguel M. Díaz-Canel -  Es ist sehr merkwürdig, denn in den Beziehungen zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten, insbesondere in Zeiten der Spannungen, wird stark auf Medienberichte und stereotype Darstellungen gesetzt, die der Weltöffentlichkeit beinahe bestimmte Ansichten aufzwingen. In diesem Fall geht es um das Narrativ des Zusammenbruchs. 
Ich frage mich: Welches Land der Welt wäre, wie Kuba und das kubanische Volk, in der Lage, 67 Jahre anhaltende Aggression der mächtigsten Nation der Welt, über 60 Jahre Blockade, die letzten sechs oder sieben Jahre einer verschärften Blockade und nun auch noch eine Energieblockade zu überstehen, ohne zusammenzubrechen? Wir sind nicht zusammengebrochen; wir sind ein organisiertes Land, ein Land in Harmonie. 
In den 67 Jahren der Revolution haben wir viele soziale Errungenschaften erzielt; und manchmal werden wir für unsere wirtschaftliche Lage kritisiert, aber wir mussten uns einer Kriegswirtschaft stellen, und inmitten dieser Kriegswirtschaft war unsere Wirtschaft in der Lage, soziale Projekte zu bewältigen und voranzutreiben. Wir haben über 32 soziale Projekte, die sich mit Schwächen und Ungleichheiten befassen. 67 Jahre Revolution haben den Zusammenbruch des Landes verhindert – und es wird nicht zusammenbrechen! – und das Land hat bedeutende Fortschritte erzielt.

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Wir verfügen über ein universelles Gesundheitssystem, das allen Menschen kostenlose Gesundheitsversorgung bietet. Unser Bildungssystem, von der Grundschule bis zur Universität, ist inklusiv und ebenfalls kostenlos. Wir haben Erfolge in Kultur und Sport erzielt; wir gehören zu den Ländern mit dem höchsten Anteil an olympischen Medaillen pro Kopf. Wir haben unsere Humanressourcen entwickelt und verfügen über hochqualifizierte Wissenschaftler. Wir haben Wissenschaft und Innovation vorangetrieben. Die Fortschritte in der kubanischen Biotechnologie und der biopharmazeutischen Industrie sind weithin bekannt. Wir haben Gerechtigkeit und Gleichheit erreicht. Wir leben in einer friedlichen und sicheren Gesellschaft, die Korruption, Drogenhandel und organisierte Kriminalität nicht duldet und anderen Nationen auf Grundlage ihres eigenen Potenzials Solidarität bieten kann. Dies kann nicht als Zusammenbruch gewertet werden. Sie versuchen, uns das Narrativ des Zusammenbruchs aufzuzwingen, während sie uns durch eine aggressive, völkermörderische Blockadepolitik in eine schwierige Lage zwingen. Wir befinden uns in einer schwierigen Situation; unsere Bevölkerung erlebt täglich große Herausforderungen, die nationale Auswirkungen haben, aber auch die Familien betreffen. Aber unser Land bricht nicht zusammen.

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Kristen Welker- Niemand wird bestreiten, dass die Blockade bzw. das Embargo Auswirkungen gehabt hat, aber lassen Sie uns über die Lage hier in Kuba sprechen. Das kubanische Volk leidet; es herrscht Energie- und Lebensmittelknappheit. Tragen Sie irgendeine Verantwortung für das Leid, das die Menschen derzeit erfahren? Fühlen Sie sich als Präsident nicht dafür verantwortlich?

Miguel M. Díaz-Canel-  Sehen Sie, das kubanische Volk leidet. Und dieses Leid, wie ich bereits sagte, zeigt sich in zwei Bereichen: im nationalen und im familiären Bereich, denn es ist Teil des Alltags. Nun, was ist die Ursache dieses Leidens? Lag es an Fehlern, die ich möglicherweise begangen habe, oder, wie ich sagte, an einer kollektiven Führung? 
Kristen Welker-  Oder der Regierung?
Miguel M. Díaz-Canel-  Oder der Regierung 
Oder ist dieses Leid in erster Linie auf die verschärfte Blockadepolitik der Vereinigten Staaten zurückzuführen? Ich glaube, die Antwort – und die Mehrheit unseres Volkes kann sie geben – liegt in dieser Politik der permanenten Feindseligkeit der US-Regierung.
 Betrachten Sie die nationale Ebene: Wir sind ein Land, dem nach 2019, als die Blockade verschärft wurde und die US-Regierung 240 Maßnahmen erließ, die die Blockade verstärkten und uns zudem auf eine fadenscheinige Liste setzten, die Kuba angeblich der Unterstützung von Terrorismus bezichtigte, sämtliche externen Finanzierungsquellen abgeschnitten wurden. 
Wir erhalten keine Kredite mehr von Banken. Es gibt finanzielle und energetische Verfolgung. Jeder, der mit Kuba Handels-, Finanz- oder Bankgeschäfte tätigen will, ist Zwangsmaßnahmen und Druck ausgesetzt. Dasselbe gilt für Reedereien und Ölkonzerne.
 Man übte Druck aus und ergriff Maßnahmen, um den Tourismus nach Kuba zu unterbinden. Beispielsweise benötigt ein europäischer Staatsbürger ein ESTA-Visum für die Einreise in die Vereinigten Staaten; Wenn ein europäischer Staatsbürger als Tourist nach Kuba reist, wird sein ESTA-Visum von den Vereinigten Staaten automatisch widerrufen. Anders ausgedrückt: Es gibt eine ganze Reihe von Situationen, die in keinem anderen Land der Welt gelten.
 Uns fehlen die finanziellen Mittel, um Lebensmittel zu kaufen, die notwendigen Güter für unsere Hauptproduktion und Dienstleistungen zu beschaffen, die benötigten Medikamente zu erhalten und die notwendigen Reparaturen an unserem nationalen Stromnetz und unseren Industrieanlagen durchzuführen. Wie wirkt sich das nun auf unser Volk aus?

Kristen Welker- Und doch sagen die Kubaner, dass man nicht allein die Vereinigten Staaten dafür verantwortlich machen kann, denn die Wirtschaft befindet sich seit zehn Jahren im Niedergang. Tausende Menschen haben das Land verlassen.

Miguel M. Díaz-Cane.-  Wie ich schon sagte, wie wirkt sich das heute auf das Familienleben aus? Es gibt Lebensmittelknappheit, es gibt Medikamentenmangel; die frühen Morgenstunden werden mühsam, denn wenn man aufgrund einer Blockade, und nicht aufgrund der Inkompetenz einer Regierung, 20 Stunden lang ohne Strom war, muss man trotzdem noch zu dieser Zeit die Hausarbeit erledigen.

Kristen Welker-  Aber das war vor der Blockade, die Leute haben schon vor der Blockade gelitten.

Miguel M. Díaz-Canel- Nein, nein, nein, lassen Sie mich das erklären. Hier liegt ein Missverständnis vor! Wir befanden uns bereits unter der Blockade, doch diese wurde in der zweiten Jahreshälfte 2019 durch die Maßnahmen nach Artikel 240 und die Aufnahme Kubas in die Liste der angeblichen Terrorismusunterstützer verschärft und nahm einen anderen Charakter an. Dadurch verschlimmerte sich alles.


Hier sehen wir also die kumulative Wirkung der Blockade, die sich durch ihre Verschärfung noch verstärkt hat, und die Auswirkungen, die diese Energieblockade nun zusätzlich akkumuliert und verstärkt. Ich sage Ihnen ganz offen: Es ist nicht die Schuld der kubanischen Regierung. Es ist nicht die Schuld der kubanischen Regierung!
 Es hat auch Unzufriedenheit hervorgerufen, denn die letzten zehn Jahre unter diesen extremen Bedingungen – im Vergleich zu anderen Zeiten – haben die Kubaner frustriert, sie haben Beschwerden, sie leiden unter sehr schwierigen Umständen; aber die Mehrheit der Kubaner macht die Regierung dafür nicht verantwortlich. Es gab auch viel Manipulation in den Medien; sie versuchen, die Auswirkungen dieser Blockade all die Jahre zu ignorieren. 
Und ich werde Ihnen konkrete Beispiele geben, damit Sie die Brutalität dieser Blockade und ihre Folgen für die Kubaner sehen können – und wie die Regierung darauf reagiert hat, die sie angeblich als Schuldige anprangern will. Und ich möchte auf die Zeit der COVID-19-Pandemie eingehen. Als COVID-19 unser Land erreichte, wurde uns zunächst klar, dass wir keinen Zugang zum globalen Impfstoffmarkt haben würden, der von großen multinationalen Konzernen dominiert wurde. Angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen wir aufgrund der verschärften Blockade bereits konfrontiert waren, fehlten uns die nötigen Mittel, um diese Impfstoffe zu kaufen. Daher kam der Erwerb von Impfstoffen für uns nicht in Frage. Wir mussten uns der kubanischen Wissenschaft zuwenden.
Diese von einigen verurteilte Regierung setzte all ihre Anstrengungen für den Schutz der kubanischen Bevölkerung ein. Wir wandten uns an unsere Wissenschaftler, und innerhalb kurzer Zeit entwickelten sie kubanische Impfstoffe, die uns eine der effektivsten Reaktionen auf COVID-19 ermöglichten.

 Unsere Indikatoren zur Bekämpfung von COVID-19 sind hinsichtlich der Effizienz besser als die der Vereinigten Staaten, einer Macht, die keiner Blockade unterliegt. 

Dann gerieten wir aufgrund eines Ausfalls in der Sauerstoffproduktionsanlage in eine Krise. Die US-Regierung verweigerte uns damals den Sauerstoffverkauf – ein absolut krimineller Akt. Dank internationaler Solidarität und umfassender organisatorischer Anstrengungen konnten wir diese Krise jedoch überwinden. 

Als wir unsere Intensivstationen erweitern mussten, verbot die US-Regierung den Verkauf von Beatmungsgeräten nach Kuba. Wir wandten uns an junge Wissenschaftler, und diese entwickelten die Beatmungsgeräte. Sie wissen ja, dass für die Herstellung eines Beatmungsgeräts US-Teile und Komponenten benötigt werden. Die Blockade verhindert den Verkauf von Geräten mit mehr als 10 % US-Komponenten nach Kuba. Wir mussten also verschiedene Läden aufsuchen, um Kleinteile wie Treiber oder Servomotoren zu kaufen. Niemand sonst auf der Welt war dazu gezwungen.

Die Blockade ist äußerst aggressiv, sie ist völkermörderisch, daher ist es ungerecht und unfair, eine Regierung, deren einziges Ziel es ist, ihrem Volk zu dienen, sich für es einzusetzen, soziale Gerechtigkeit anzustreben und Lösungen zu finden – und in komplexen Situationen finden wir diese auch –, für dieses Übel verantwortlich zu machen. 

Ich bin der Ansicht, dass die US-Regierung ihr grausames Vorgehen gegenüber Kuba und dem kubanischen Volk hinterfragen sollte. Und sie sollte nicht hierherkommen und sich als Retterin der kubanischen Situation präsentieren; dazu hat sie kein Recht, sie hat weder dieses Recht noch diese moralische Autorität!

Kristen Welker-  Doch was die Situation der kubanischen Bevölkerung betrifft, die wir mit eigenen Augen gesehen haben, leiden die Menschen auf den Straßen Havannas, der Hauptstadt. Ist es nicht an der Zeit, dass Kuba Verantwortung übernimmt, sich selbstkritisch hinterfragt und sein Wirtschaftssystem zum Wohle der leidenden Bevölkerung reformiert?

Miguel M. Díaz-Canel- Wir analysieren unsere Realität stets sehr selbstkritisch und versuchen kontinuierlich, unsere Vorgehensweise zu verändern und zu revolutionieren, um Verbesserungen zu erzielen. Dies hat jedoch nichts mit dem politischen System zu tun. Unser politisches System duldet diese Unfähigkeit zum Fortschritt nicht. Ich wiederhole: Verantwortlich dafür ist die von der US-Regierung verhängte Blockade. Die Menschen, die heute unter diesen Umständen leiden – und von denen ein erheblicher Teil weiß, wer der wahre Schuldige ist –, haben das von uns verteidigte politische System durch verschiedene Volksbefragungen und Referenden gebilligt.

Unser politisches System dient dem Volk, der sozialen Gerechtigkeit und dem Fortschritt aller. Und genau das scheint andere in der Welt zu stören, aufgrund dessen, was es symbolisieren könnte. Denn es ist ein System für uns, kein System, das wir anderen aufzwingen wollen. Deshalb blockieren sie es auf diese Weise. Denn, sehen Sie, wir sprechen hier nicht von irgendeiner Blockade, sondern von einer außergewöhnlichen, der längsten und schwersten in der Geschichte der Menschheit. 

Eine Blockade, die sich zudem nicht nur gegen das kubanische Volk richtet, sondern auch gegen das der USA und die sich internationalisiert hat. US-Geschäftsleute können nicht in Kuba investieren – warum? US- Staatsbürger können Kuba nicht frei besuchen – warum? Auch Bürger und Geschäftsleute anderer Länder sind von Sanktionen betroffen.

Kristen Welker-  Aber Sie können mit anderen Ländern Handel treiben.
Miguel M. Díaz-Canel-  Wir können Handel treiben, allerdings mit vielen Einschränkungen – sehr vielen! –, da die Blockadegesetze durch die Anwendung von Titel III des Helms-Burton-Gesetzes internationalisiert wurden. 
Wir müssen umfangreiche Recherchen und Dokumentationen anstellen, denn die in den Medien und sozialen Netzwerken verbreiteten, Hass und Verwirrung stiftenden Narrative entsprechen nicht der Realität. Ich denke, wir müssen dies kritisch hinterfragen. Und wir in unserer Regierung, gemeinsam mit unserem Volk, setzen uns weiterhin dafür ein, diese Situation zu verändern und voranzukommen, ja, diese Herausforderungen zu überwinden.
Kristen Welker.-  Lassen Sie uns über die Zukunft sprechen. 
China und Vietnam haben das Einparteiensystem übernommen und Reformen durchgeführt. Warum sollte Kuba nicht dasselbe tun können? 
Miguel M. Díaz-Canel -  China und Vietnam sind Länder, die wie Kuba den Sozialismus aufbauen. 
Es muss gesagt werden, dass auch China und Vietnam – ich habe ihre Reformen eingehend studiert und sie als Referenz für Kuba herangezogen – unter den Folgen von Zwangsmaßnahmen und Sanktionen der Vereinigten Staaten litten und Blockaden unterworfen waren, die allerdings nur etwa ein Jahrzehnt andauerten. Nach dem Ende dieser Blockaden hatten sie alle Möglichkeiten, ihre Kapazitäten zum Aufbau des Sozialismus zu entwickeln. Sie setzten eine Reihe von Reformen um und haben damit bewiesen, dass der Sozialismus mit einer Einparteienregierung an der Spitze tragfähig ist und bedeutende wirtschaftliche, soziale und technologische Entwicklungen hervorbringt. Heute ist China eine bedeutende Weltmacht.
 Wir pflegen einen regen Austausch; wir sind Schwesternationen. Unsere Parteien unterhalten enge Beziehungen zueinander, und wir tauschen uns ständig über unsere Prozesse aus. Kuba hat jedoch auch seine Besonderheiten. Kuba ist ein Inselstaat; Kuba liegt 90 Meilen von den Vereinigten Staaten entfernt. Kuba ist ein angegriffenes Land, und die Blockade besteht seit über sechzig Jahren, wie ich bereits erwähnte. Deshalb konnten wir unsere Träume und Ziele nicht verwirklichen. Vieles ist noch unerledigt, weil die Blockade dies verhindert hat, auch wenn das manche nicht verstehen.
Ich möchte noch etwas hinzufügen, was mir bei unserer letzten Reise nach China und Vietnam besonders aufgefallen ist. Betrachtet man die Reformphasen und die Zeiten, in denen China und Vietnam sich weiterentwickeln konnten, fällt auf, dass sie in Bezug auf Infrastruktur und Entwicklung von einer deutlich schlechteren Ausgangslage starteten als Kuba heute. Deshalb sollten wir der US-Regierung sagen: Heben Sie die Blockade auf und sehen Sie, was wir erreichen können! Wenn Kuba mit all seinem Potenzial unter der Blockade  so viel erreichen konnte, was wäre dann erst möglich, wenn es nicht blockiert wäre? Denn selbst wir konnten unter der Blockade Solidarität ausüben.

 Warum müssen die Vereinigten Staaten Millionen ausgeben? Wenn wir so unfähig, so töricht, wie sie behaupten, so engstirnig und so innovationsfeindlich sind, warum haben sie dann jahrelang Millionen – Millionen von Steuergeldern, also das Geld des Volkes  der USA– für subversive Pläne, Blockaden und die Niederschlagung der kubanischen Revolution ausgegeben? Warum lassen sie uns nicht einfach untergehen, wenn sie das wirklich glauben? Oder warum sind sie nicht bereit anzuerkennen, dass Kuba ohne die Blockade ein hohes Maß an wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung mit weitreichenden Auswirkungen erreichen und beweisen könnte, dass andere Lösungen und Modelle in der Welt möglich sind?


Kristen Welker-  Sprechen wir von der Zukunft.
 Es hat Gespräche zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten gegeben. Glauben Sie, es sei möglich mit Präsident Trump,mit den VereinigtenStaaten ein Übereinkommen zu erzielen? Hablemos del futuro.

Miguel M. Díaz-Canel-  Ich glaube, wir können hier einen Ansatz wählen, der von dem ausgeht, was möglich ist, und was aber schwierig sein wird.
Wo liegt die Möglichkeit? Kuba hat sich während der gesamten Revolutionsjahre stets für ein zivilisiertes Verhältnis als Nachbarland der Vereinigten Staaten eingesetzt, das uns Zusammenarbeit, Austausch und normale Beziehungen in vielen Bereichen ermöglicht. Wir haben immer gefordert, dass diese Beziehung auf Respekt und Gleichberechtigung beruht, ohne Bedingungen aufzuerlegen; denn Bedingungen führen nicht zu Dialog, und Bedingungen führen nicht zu Verhandlungen. 
Damit ein Gespräch, ein Dialog und ein ausgehandeltes Abkommen zustande kommen können, bedarf es des Willens und der Fähigkeit zum Dialog und zum Zuhören auf beiden Seiten, des Respekts, des Anstands und der Anerkennung. 
Daher sind alle Voraussetzungen und Möglichkeiten für diesen Dialog gegeben, sofern beide Seiten zustimmen. Was macht diesen Dialog so schwierig? Erstens war die US-Politik gegenüber Kuba in den vergangenen 67 Jahren durchweg feindselig. Die Vereinigten Staaten, als Supermacht, nahmen stets die Rolle des Aggressors ein, und Kuba, als kleine Insel, musste die Rolle des Opfers einnehmen. 
Im Laufe der Zeit – und dies ist ein weiterer Faktor, der den Dialog erleichtert – wurden Abkommen erzielt, Gespräche mit verschiedenen US-Regierungen geführt und Zusagen gemacht. Kuba hat seine Zusagen stets eingehalten. Die Vereinigten Staaten hingegen haben viele davon nicht eingehalten.

Die Vereinigten Staaten haben beispielsweise kürzlich Gespräche mit anderen Ländern geführt und diese dann mitten in diesen Gesprächen angegriffen. All dies schürt großes Misstrauen. Wir wissen, dass es in den Vereinigten Staaten Kräfte gibt, die ständig versuchen, jede Möglichkeit zum Dialog oder Gespräch zu sabotieren. Doch ich bin überzeugt, dass wir respektvoll und anständig miteinander reden können; dass wir durch Dialog Lösungen für unsere bilateralen Differenzen finden können; dass wir Bereiche der Zusammenarbeit entdecken können, in denen wir Projekte entwickeln können. Es gibt viele Themen, an denen wir arbeiten können, wie die Bekämpfung von Drogenhandel, Terrorismus, Migration und transnationaler Kriminalität. Wir können die Verhandlungen voranbringen; wir können Investitions- und Geschäftsmöglichkeiten für amerikanische Unternehmer in Kuba schaffen.

Es gibt eine kubanische Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten, der wir sowohl in den USA als auch in unserem Land Chancen bieten müssen; eine us-amerikanische Gemeinschaft, die Kuba besuchen könnte. Wir könnten Kultur-, Sport- und Gesundheitsaustausche veranstalten. All dies würde uns ermöglichen, Räume des Verständnisses zu schaffen, uns von Konfrontationen wegzuführen und Frieden und Sicherheit nicht nur für Kuba und die Vereinigten Staaten, sondern auch für Lateinamerika und die Karibik zu gewährleisten. Das ist die Zukunft, die wir anstreben: ein gutes nachbarschaftliches, zivilisiertes Verhältnis, ungeachtet unserer ideologischen Differenzen. Ich glaube, es wäre eine Chance; es ist das, was unsere Bevölkerung verdient. Lassen Sie mich Ihnen eine Anekdote erzählen.


Kristen Welker-  Man sagt mir, dass unsereZeitzu Ende geht.
Miguel M. Díaz-Canel-   Das ist schade. Das ist wirklich schade! 
Kristen Welker-  Bitte lassen Sie mich mit einer Frage schließen!
Miguel M. Díaz-Canel-  es ist schade, dass die Zeit zu Ende geht, weil wir noch über vieles sprechen müssen. Deswegen schlage ich vor, wir sollten damit zu einem anderen Zeitpunkt fortfahren. 
Aber sehen Sie, ich werden zwei Anekdoten erzählen. 
 
Kristen Welker-  Aber das ist in Ordnung. Wir haben noch viele weitere Fragen. Ich wollte mir die Zeit nehmen und die Antwort liefern, damit sowohl das kubanische als auch das Volk der USA sie hören können.


Miguel M. Díaz-Canel -  Ich bin einverstanden. 
Kristen Welker -  Gut
Miguel M. Díaz-Canel-  Zwei Geschichten verdeutlichen beispielsweise, wie sehr unsere beiden Völker profitieren könnten, wenn wir Abkommen erzielen und konkrete Ergebnisse erreichen könnten, indem wir die dafür notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Ein kubanisches Unternehmen im Bereich Wissenschaft, Technologie und pharmazeutische Biotechnologie führt seit Jahren gemeinsam mit einem renommierten Krebsinstitut in den USA eine klinische Studie zu einem kubanischen Impfstoff gegen Lungenkrebs durch. Diese Studie läuft bereits seit fast einem Jahrzehnt. Die Ergebnisse sind äußerst vielversprechend. Sowohl die amerikanische als auch die kubanische Seite sind vom Erfolg dieser Studie und ihren potenziellen Auswirkungen auf die Gesundheit in den USA und Kuba überzeugt. 
Ich treffe mich seit Kurzem wöchentlich mit kubanischen Wissenschaftlern, da wir versuchen, die Probleme des Landes durch Wissenschaft und Innovation anzugehen. Sie präsentierten mir die Ergebnisse einer klinischen Studie zu einem hochinnovativen kubanischen Medikament gegen Alzheimer. Bei dieser klinischen Studie gibt es eine Zusammenarbeit mit einer Klinik in Colorado, USA. Von dort aus reisen Patienten aus den USA an, um sich in Kuba behandeln zu lassen, kehren dann in die USA zurück und setzen dort ihre Behandlung fort.
Wir müssen uns anhören, wie der Leiter jener Klinik in Colorado über die Verbesserungen und überlegenen Ergebnisse seiner Patienten im Vergleich zu anderen Medikamenten berichtet. Daher dürfen wir unseren beiden Völkern die Chance auf eine tragfähige Beziehung nicht durch eine Blockadepolitik verwehren, eine Politik, die Minderheiten und Eliten begünstigt. Und genau das appelliere ich an: Verständnis, Sensibilität und die Möglichkeit, in unserer Beziehung einander zu begegnen, anstatt Konfrontation, Krieg und Aggression zu schüren.


Kristen Welker-  Ich würde gern noch einmal über die Zukunft der Verhandlungen sprechen. Sind Sie zuversichtlich mit Präsident Trump zu einer Übereinkunft zu kommen?
Miguel M. Díaz-Canel-  Nun, wir führen dieses Gespräch, weil wir hoffen, eine Einigung zu erzielen. Ich erwähne dies, weil eine Einigung die Bereitschaft beider Parteien voraussetzt, Bereiche der Zusammenarbeit zu finden, eine gemeinsame Basis zu schaffen und die Angelegenheit mit Feingefühl, Verantwortungsbewusstsein und Ernsthaftigkeit anzugehen.


Kristen Welker-  Herr Präsident, führen Sie direkte Fespräche mit Außenminister Marco Rubio? Haben Sie Vertrauen in ihn? 
Miguel M. Díaz-Canel -  Wir sind dialogbereit und werden Gespräche führen, sofern die Vereinigten Staaten dazu bereit sind. Die Gespräche werden von einem Vertreter der US-Regierung geführt, der von den Vereinigten Staaten selbst ausgewählt wird.
 Gespräche sind komplexe Prozesse. Zunächst müssen Dialogkanäle geschaffen werden; anschließend müssen Agenden entwickelt werden, die Debatten ermöglichen und die Angleichung gemeinsamer Interessen fördern.
Kristen Welker-  Aber haben Sie mit Außenminister Rubio gesprochen?

Miguel M. Díaz-Canel-  Nein, ich habe nicht mit Außenminister Rubio gesprochen. Ich kenne  Außenminister Rubio nicht.  
Nach der Festlegung von Tagesordnungen und der Durchführung von Gesprächen können Vereinbarungen erzielt werden, sofern der Wille dazu besteht. Diese Prozesse müssen jedoch mit größter Sensibilität, Verantwortungsbewusstsein, Anstand und Diskretion durchgeführt werden, um falsche Erwartungen zu vermeiden, Informationen nicht zu manipulieren und die wahren Ziele nicht zu verfälschen. Daher möchte ich hier keine weiteren Details nennen.
Kristen Welker-  Sprechen wir über einige der Schlüsselforderungen der Vereinigten Staaten: die Anerkennung der freien Presse, die Freilassung politischer Gefangener, die Durchführung von gerechten Wahlen. 
Miguel M. Díaz-Canel -  Bisher hat niemand diese Punkte angesprochen, und wir haben klargestellt, dass die innere Ordnung, die kubanische Verfassungsordnung und die Achtung unseres politischen Systems nicht zur Verhandlung stehen und nicht mit den Vereinigten Staaten diskutiert werden. 
Und ich denke, wir müssen, Kristen, all die Vorurteile gegenüber Kuba, gegenüber Demokratie, Menschenrechten, der Frage, ob wir eine Tyrannei oder Diktatur sind, Meinungsfreiheit und Gewerkschaften überwinden – Konzepte, die von Manipulation und Vorurteilen geprägt sind, die wir meiner Meinung nach ausräumen müssen. Das würde viel Zeit in Anspruch nehmen – die haben wir jetzt nicht –, aber wir haben alle Argumente, um zu zeigen, wie demokratisch wir sind; wie das Wahlsystem in Kuba funktioniert, das auf Basis der Bevölkerung funktioniert; wie wir die Macht mit dem Volk ausüben; wie wir tatsächlich die Menschenrechte verteidigen; und dass wir keine Diktatur sind. Ich müsste das alles später ausführlicher erklären, und ich bitte Sie, diese Dinge ein anderes Mal zu besprechen. Aber es gibt viele Vorurteile, die wir überwinden und beseitigen müssen.

Kristen Welker-  Zwei weitere Fragen 
Es gibt noch über 1.200 politische Gefangene in Kuba.  Maykel Osorbo, der zwei Grammy latinos gewonnen hat, sitzt im Gefängnis.
Miguel M. Díaz-Canel- Auch hier spielen diese Vorurteile eine Rolle. Es ist die Rede von politischen Gefangenen in Kuba. Wie Sie selbst sagten, leben die Menschen in Kuba in einer schwierigen Lage; nicht jeder in Kuba unterstützt die Revolution. Es gibt Menschen, die die Revolution ablehnen, die täglich auf unterschiedliche Weise dagegen demonstrieren, und diese Menschen werden nicht inhaftiert. Die verbreitete Darstellung, dass in Kuba jeder, der sich gegen die Revolution ausspricht, inhaftiert und zum politischen Gefangenen wird, ist eine Lüge, eine Verleumdung und Teil einer Kampagne, um die Kubanische Revolution zu diskreditieren, zu untergraben, zu dämonisieren und ihren Ruf zu schädigen. Was geschieht nun? In Kuba finden beispielsweise Demonstrationen statt, insbesondere bei längeren Stromausfällen und Versorgungsproblemen. Was tun die Menschen bei solchen Demonstrationen? Sie gehen zu staatlichen Institutionen und treffen dort auf Verantwortliche, die ihnen helfen, ihnen die Sachlage erklären und ihre Probleme lösen oder Argumente vorbringen. Das ist eine völlig demokratische Angelegenheit, und niemand kommt dafür ins Gefängnis.

Oft wird das fälschlicherweise verwechselt und Menschen, die einer bestimmte Abneigung oder Unzufriedenheit haben, lassen sich dadurch zu Vandalismus oder Handlungen verleiten, die unsere verfassungsmäßige Ordnung, die innere Sicherheit oder den öffentlichen Frieden stören – häufig finanziert von Terrororganisationen, von Programmen US-amerikanischer Regierungsbehörden, die Subversion gegen Kuba fördern, und sogar auf Anweisung der US-Botschaft in Kuba. Diese Menschen werden nicht wegen Demonstrationen inhaftiert; sie werden – wie überall auf der Welt, wo die Verfassung und die Rechtsstaatlichkeit geachtet werden – wegen Vandalismus und Handlungen inhaftiert, die weltweit verwerflich sind. Es gibt keine politischen Gefangenen in Kuba, das versichere ich Ihnen.


Kristen Welker-  Ich muss das Interview jetzt beenden. Ich muss Ihnen diese letzte Frage stellen.
Wären Sie bereit zurückzutreten, wenn Sie damit Kuba, das kubanische Volk retten könnten?
Miguel M. Díaz-Canel-  Sie als bekannte Jorunalistin , haben Sie diese Frage einmal einem anderen Präsidenten in der Welt gestellt?
Kristen Welker-  Wenn die Vereinigten Staaten Sie dazu auffordern, denn dies ist eine der Bedingungen, die die Vereinigten Staaten stellen.
Miguel M. Díaz-Canel-  Ich wiederhole. Würden Sie diese Frage einem anderen Präsidenten auf der Welt stellen? Haben Sie sie einem anderen Präsidenten gestellt? 
Würden Sie sie Trump stellen?

Kristen Welker-  Ich stelle Präsident Trump sehr schwierige Fragen.
Miguel M. Díaz-Canel- Ist das Ihre Frage oder stammt sie aus dem Außenministerium oder der Regierung der Vereinigten Staaten? 
Kristen Welker- Meine Frage ist es, weil es eine der Aussagen ist, die wir von der US-Regierung gehört haben. Wenn Sie gefragt würden.
Miguel M. Díaz-Canel- Angesichts Ihrer Aufrichtigkeit gehe ich davon aus, dass Sie dies genau aus diesen Gründen tun. 
Erstens werden in Kuba die Personen in Führungspositionen und mit Regierungsverantwortung nicht von der US-Regierung ausgewählt oder ernannt. Wir sind ein souveräner, freier Staat. Wir haben Selbstbestimmung, wir haben Unabhängigkeit und wir unterwerfen uns keinerlei Vorgaben der US-Regierung.

 Darüber hinaus gelangen kubanische Führungskräfte nicht an die Macht, weil sie eine Machtelite repräsentieren. Sie könnten sich meine Herkunft ansehen, wo ich geboren wurde, aus welcher Familie ich stamme, was ich in meinem Leben getan habe. Es ist das Volk, das uns wählt, auch wenn es eine Erzählung gibt, die dies leugnet. Jeder von uns, der eine verantwortungsvolle Position bekleiden möchte, muss an der Basis, in einem Wahlkreis, von Tausenden von Kubanern gewählt werden, und dann wählen die Kubaner, die diese anderen in der Nationalversammlung der Volksmacht vertreten, diese Amtsträger durch indirekte Wahl, wie es in anderen Ländern der Welt üblich ist! Wir haben außerdem ein Wahlsystem, das vollständig auf der Beteiligung des Volkes basiert.


Jeder von uns, der ein verantwortungsvolles Amt bekleiden möchte, muss an der Basis, in einem Wahlkreis, von Tausenden Kubanern gewählt werden. Anschließend wählen die Kubaner, die diese anderen in der Nationalversammlung der Volksmacht vertreten, die Amtsträger indirekt, wie es auch in anderen Ländern der Welt üblich ist. Unser Wahlsystem basiert vollständig auf der Beteiligung des Volkes. 
Wenn wir also Verantwortung übernehmen, tun wir dies nicht aus persönlichem oder unternehmerischem Ehrgeiz, noch um ein Parteiamt zu erlangen, denn unsere Partei ist nicht parteipolitisch organisiert. Wir tun es durch das Mandat des Volkes, und Kapitulation entspricht nicht dem revolutionären Denken. 
Wenn das kubanische Volk der Meinung ist, dass ich unfähig bin, ihren Ansprüchen nicht genüge, sie nicht vertrete, dann muss es selbst entscheiden, ob ich eine Führungsposition bekleiden oder das Amt des Präsidenten innehaben soll oder nicht.
 Denken Sie außerdem daran, dass die Führung des Landes, die Führung der Revolution und deren Fortbestand nicht in den Händen einer einzelnen Person liegen können. Wir haben es hier mit einer kollektiven Führung zu tun, die eng mit dem kubanischen Volk verbunden ist. Die Vereinigten Staaten können uns jedoch nichts aufzwingen und auch keine Veränderungen fordern.
 Die US-Regierung, die diese feindselige Politik gegenüber Kuba verfolgt hat, besitzt keinerlei moralische Berechtigung, Forderungen an Kuba zu stellen. Sie hat nicht einmal das Recht zu behaupten, sich um die Lage des kubanischen Volkes zu sorgen und die kubanische Regierung für diese Situation verantwortlich zu machen, da diese die gesamte Verantwortung trägt.
 Ich glaube, es ist am wichtigsten, dass sie eine kritische und aufrichtige Haltung einnehmen und erkennen, wie viel Leid und Not ihre Politik dem kubanischen Volk zugefügt hat. Wie sehr sie das Volk der USA einer normalen Beziehung zu Kuba beraubt haben und dass sie bereit sind, wie wir es gefordert und gewünscht haben, zum Dialog und zur Debatte über jedes Thema bereit zu sein, ohne Bedingungen, ohne Änderungen an unserem System zu fordern, so wie wir keine Änderungen am System der USA fordern würden, an dem wir sehr viele Zweifel und endlose Kritik haben, und dass wir uns auf das konzentrieren, was uns vereinen kann, auf das, was Räume für Verständnis schaffen kann, und, ich wiederhole es noch einmal, Konfrontationen zu vermeiden und eine Zukunft für beide Völker zu gestalten, die vom Nutzen, von Beziehungen, von Freundschaft und auch von Solidarität geprägt ist.
Kristen Welker-  Präsident Díaz-Canel, vielen Dank.
Miguel M. Díaz-Canel -  Ich danke ebenfalls für diese Gelegenheit zum Volk der Vereinigten Staaten zu sprechen.
 Und Sie sind immer eingeladen über andere Themen noch ausgiebiger  zu sprechen.
Kristen Welker-  Danke
Miguel M. Díaz-Canel -  Ich danke Ihnen.
Kristen Welker-  Hoffentlich können wir mehr Interviews machen, um die Diskussion fortzusetzen.
Miguel M. Díaz-Canel-  So ist es.
Kristen Welker-  Es war mir eine Ehre
Miguel M. Díaz-Canel-  Vielen Dank