OFFIZIELLES ORGAN DES ZENTRALKOMITEESDER KOMMUNISTISCHEN PARTEI KUBAS
Der kubanische Präsident Miguel Díaz-Canel Bermúdez während seiner Jahre in der UJC Photo: Juventud Rebelde

Er hätte Wissenschaftler werden können. Wenn es um seine Ingenieurslaufbahn geht, sprichter mit  Selbstvertrauen und Leichtigkeit, als wäre er auf vertrautem Terrain unterwegs. Tatsächlich bemerken viele, dass seine Reaktionen auf politische Herausforderungen unverkennbar die Handschrift eines Ingenieurs tragen. Doch das Leben – dieser unberechenbare Lehrmeister – führte ihn auf andere Wege, denn das Leben „verläuft nicht linear und bringt auch Verantwortung, Opfer, Haltungen und Aufgaben mit sich, denen man sich stellen muss.“

Und so schuf er inmitten von verantwortungsvollen Aufgaben und Opfern, die so schwer wogen, wie ein mit Steinen gefüllter Rucksack, seinen eigenen Weg. Ein Elektronikingenieur, ja, der schließlich an der Spitze  Kubas Geschicke lenkte, nach so bedeutenden historischen und symbolträchtigen Persönlichkeiten wie Fidel und Raúl. Doch um diese Position durcheigene Meriten zu erreichen, gab es ein Davor, das für ihn  als ein ganz normaler junger Mann mit Führungsqualitäten auf dem Fahrrad begann, mit frühen internationalistischen Missionen in Nicaragua und andere Erlebnissen, die heute seine Erinnerung prägen. Das alles: eine Geografie der Seele, die in ihm noch immer nachklingt, die „Nostalgie weckt“.
Deshalb gibt es Fragen, die in keinem Lehrbuch Platz finden, Fragen, die wie eine gefaltete Landkarte weitergegeben werden: Wie lernt man, ein verantwortungsbewusster Mensch zu werden, wenn die Welt aus den Fugen gerät? Wie kann ein junger Mensch inmitten schwerer Zeiten lachen, wie verliebt er sich, wie fällt er und steht wieder auf? Wo bewahren die Eltern die Jahre seiner stürmischen Zeit auf? Denn Jugend ist kein Alter, sondern ein Lebensabschnitt, den man auf Pedalen durchquert, die Brust dem Wind entgegen, die Träume am Lenker befestigt.

Heute, da die Union Junger Kommunisten (UJC) und die José-Martí-Pionierorganisation ihre Jubiläen feiern, wird dieser Dialog zu einer Brücke. Denn Miguel Díaz-Canel Bermúdez, Erster Sekretär der Kommunistischen Partei Kubas und Präsident der Republik, hat mit über 60 Jahren immer noch viel von jenem Jugendführer aus den 1990er Jahren in sich, der ohne anderen Kompass als den Glauben an das Kollektiv in die Pedale trat, weil seine Generation „ihre Träume wieder zusammensetzen und über die Trümmer der Berliner Mauer klettern musste“.
Und wissen Sie, wie sie das geschafft haben? Mit dem Fahrrad. „Wir sind mit dem Rad zur Universität, zu Veranstaltungen, zur Arbeit gefahren, haben uns ehrenamtlich engagiert und Kontakte in verschiedenen Bereichen geknüpft“, erinnert sich der Präsident. Und obwohl er zugibt, dass „es keine einfache Zeit war“, war dieses gegen den Wind anfahren auch ein Zeichen: Wir sind hier, wir geben nicht auf!

Deshalb wollte unsere Zeitung, dass der Präsident mit der jüngeren Generation über diese Zeit spricht. Und als Ingenieur, der Wert auf Präzision legt, nahm er sich die Zeit, fünf Fragen unserer Online-Plattform zu beantworten. Denn er betonte stets: „Es ist unerlässlich, mit unseren jungen Menschen zu sprechen und Erfolge mit ihnen zu teilen, denn sie sind die wichtigsten Menschen; sie stechen als die treibenden Kräfte der Umwandlungen hervor, die mi Gange ist.“
Das Interview fand also mit einem politischen Führer statt, der aus sehr einfachen Verhältnissen stammt und von den ständigen Herausforderungen der Kubanischen Revolution geprägt wurde. Er lässt den immensen Wert seiner Erfahrungen für eine Generation Revue passieren, die darin Inspiration finden soll, während sie vor entscheidenden sozialen, politischen und patriotischen Dilemmata steht.

Deshalb erscheint es uns manchmal, als ob er seine Antworten wären, die sich anhören, also ob ein Vater seinem Sohn etwas erklärt. Er ist ein junger Mann von gestern, der die heutige Jugend nicht mit wenig sinnvollen Moralpredigten belehren will, sondern ihr die Hand reicht, mit ihr seine Gefühle und seine Erfahrung teilt, damit sie die Fähigkeit erlangen, selbst und gemeinsam mit Gleichaltrigen Entscheidungen zu treffen.

—Sie haben mehrfach erwähnt, dass Ihr Leben eng mit dem Kommunistischen Jugendverband (UJC) verbunden ist, einer Organisation, mit deren Leitung Sie an der Zentraluniversität „Marta Abreu“ in Las Villas begannen  und deren Nationalkomitee Sie sogar als zweiter Sekretär bekleideten. Es war eine sehr schwierige und komplexe Zeit für Kuba, ähnlich wie die, die wir heute erleben, aber die jugendlichen Führer übernahmen verschiedene Aufgaben, trieben Prozesse voran und waren unermüdlich aktiv.

—Es war eine herausfordernde, sehr herausfordernde und zugleich sehr kreative Zeit. Über Nacht zerfiel der sozialistische Block, die Sowjetunion hörte auf zu existieren, und die Feinde der Revolution starteten einen Großangriff: die US-Blockade, verstärkt durch den Torricelli Act, und eine doppelte Blockade durch die ehemaligen sozialistischen Republiken. Fidel hatte diese Möglichkeit bereits 1989 bei der Feier am 26. Juli in Camagüey angekündigt, ebenso wie Kubas Bereitschaft zum Widerstand, im Bewusstsein, dass nur der Sozialismus unserem Volk eine Zukunft geben konnte.
Es war die zentrale und entscheidende Rolle des Comandante en Jefe als Anführer dieses Widerstands, als Führer der Kommunistischen Partei als Garant der Einheit und der Streitkräfte, die nicht nur mit viel Innovation zur Erhaltung unserer Kampftechnik die Verteidigung verstärkten sondern auch die Möglichkeit einer Option Null in Betracht zogen ( eine mögliche Seeblockade), Programme wie die Jugendarmee zur Produktion von Lebensmitteln oder die traditionelle Naturmedizin förderten und anderes mehr, all das was als Sonderperiode in Friedenszeiten bekannt ist.

Es war auch eine Phase, in der viel gelernt werden musste. Ich erinnere mich noch besonders an die intensive Arbeit des Armeegenerals, der in seiner Doppelfunktion als  Zweiter Sekretär der Kommunistischen Partei und Minister der Revolutionären Streitkräfte in sehr engem Kontakt mit der UJC stand und sie instruierte, ausbildete und Aufgaben vergab. 
Für unsere Generation, die bereits internationalistische Missionen aber auch Aufgaben in Bildung znd Gesundheit erfüllt hatten… waren die Herausforderungen nicht so neu. Wir kannten die Probleme der Bruderländer, in denen wir waren und wir fühlten uns bereit, uns ihnen mit besserer Vorbereitung  in unserem eigenen Land zu stellen.
Was wir gemeinsam mit den Führern der historischen Generation in diesen Jahren lernten war enorm.Sie lehrten uns und übertrugen uns zu gleichen Zeit die Verantwortung, die diese Zeit forderte.Ich kann noch hinzufügen, dass wir sehr viel Freiheitgenossen, bei dem was uns einfiel und was wir unter uns diskutierten.

—Sie wurden also damals motiviert zu unternehmen, zu managen, aufzubauen, zu schaffen wie es dieser Phase entsprach?
—Als Jugendorganisation der Partei war es unsere Aufgabe vorzuschlagen, Impulse zu geben und die Jugendlichen zur Mitarbeit auf allen Ebenenzu mobilisieren, damit sie Widerstand leisteten aber gleichzeitig nicht aufhörten Ideen zu entwickeln. Gleichzeitig musste der ideologische Kampf, die Theorie vom Ende der Geschichte und die der Nichtdurchführbarkeit des Sozialismus bekämpft werden. Ich glaube, das war für meine Generation eine große Schule, bei der die jugendliche und sudentische Freizeitgestaltung  ein wesentlicher Teil der Mobilisierung und Beteiligung war.
Millionen Fahrräder wurden importiert und vorrangig an Schüler und junge Arbeiter verteilt; landwirtschaftliche Camps sowie wissenschaftliche und soziale Projekte wurden eröffnet, deren Hauptaugenmerk auf jungen Menschen lag. All dies wurde von politischen Kundgebungen, Tanzveranstaltungen und Aktivitäten in speziell für Kinder und Jugendliche eingerichteten Freizeitanlagen begleitet.
 Doch es ging nicht darum, durch Singen und Tanzen die drohenden Engpässe und Stromausfälle zu vergessen. Jede Aktivität, jede Kampagne musste zielgerichtet konzipiert und durchgeführt werden, unter dem Motto: Lernen, wachsen, dem Land und einer von Hoffnungslosigkeit und Unsicherheit geplagten Welt dienen.
Unsere Hauptmotivation war das Bewusstsein, eine historische revolutionäre Aufgabe zu erfüllen: eine fröhliche und zugleich tiefgründige Jugend zu formen, die die Revolution mit Überzeugung und Leidenschaft verteidigen konnte. So erinnere ich mich an meine Jahre in der UJC: voller Schweiß und Anstrengung, aber auch voller Musik, Gesang, Tanz und vor allem voller Ideen, Kreativität und dem Wunsch, das Vaterland, die Revolution und den Sozialismus mit größtem Bewusstsein und der größten Freude zu retten.“

 – Was würden Sie einem jungen Menschen sagen, den Sie für eine Sache wie die Kubas begeistern möchten?

—Was Karl Marx sagte: „Das Glück liegt im Kampf.“ Ich würde ihm raten, gegen die Entfremdung anzukämpfen, die alle die scheinbar wohlhabenden Gesellschaften des modernen Kapitalismus heimsucht, wo Menschen – als Folge dessen, was Marx den Warenfetischismus nannte – vom Subjekt zum Objekt werden. 
Alles, was du bist und alles, was du mit deinem Talent und deinen eigenen Händen erschaffen und produzieren kannst, ist dein Werk. Und wenn du es gemeinsam mit deinen Zeitgenossen tust, ist es ein Werk, das Generationen prägt und je mühsamer  es ist, umso erhabener ist es. Kuba ist eine Gesellschaft voller Herausforderungen, in der Tausende junger Menschen gerade das Unmögliche möglich machen. Ich würde ihn dazu auffordern, selbst etwas zu erschaffen.


Wir haben diese Themen vor wenigen Tagen mit herausragenden jungen Menschen aus verschiedenen Bereichen der kubanischen Gesellschaft besprochen. Wir sprachen darüber, was sie in diesen Zeiten, in denen die Gemeinde angesichts der aktuellen Einschränkungen durch die US-amerikanische Energieblockade zu einem zentralen Bestandteil des nationalen Lebens geworden ist, noch tun können. Die Blockade hat zu Veränderungen im Arbeits- und Studienalltag geführt. 
Wir haben ihnen Aufgaben vorgestellt, die sie dort übernehmen könnten, beispielsweise in den Bereichen Verteidigung, Energierückgewinnung, Lebensmittelproduktion, Betreuung der Schwächsten (alleinlebende Senioren, Kinder, Schwangere), Kommunikationsarbeit, Mobilisierung der Bevölkerung, Kulturförderung und Sport in ihren jeweiligen Gemeinden.
 Wie José Martí sagte: ‚Nur der Reichtum und die Freiheit, die man sich mit eigenen Händen erarbeitet, bleiben bestehen und dienen dem Guten.‘“
- Welche Eigenschaften sollte die kubanische Jugendorganisation, die Jugendorganisation der Partei, Ihrer Meinung nach haben, um mit den neuen Generationen in Verbindung zu bleiben und Kontinuität zu gewährleisten – in einem Land und einer Welt, in der die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und philosophischen Herausforderungen zunehmen?

- Ich denke, die Antwort liegt in Ihrer Frage selbst: Die kubanische Jugendorganisation, die Jugendorganisation der Partei, muss mit den neuen Generationen in Verbindung stehen und gleichzeitig Kontinuität wahren. Dabei muss klar sein, dass weder Verbindung noch Kontinuität unkritisch sein dürfen. Verbindung bedeutet nicht, unkritisch zu übernehmen, was gerade angesagt ist oder was frühere Generationen getan haben. Wir dürfen nicht vergessen, dass junge Menschen mehr von ihrer Zeit geprägt sind als von ihren Eltern. Aber sie sind ein Produkt dieser Eltern, und sie zu verleugnen bedeutet, sich selbst in gewisser Weise zu verleugnen.

 Der Kommunistische Jugendverband (UJC) sowie Jugend- und Studentenorganisationen müssen Bildung, Wissen und die Suche nach Wahrheit unter kubanischen Kindern und Jugendlichen fördern – als grundlegende Basis für das Verständnis und die Bewältigung der Komplexität unserer Zeit. „Nur durch Bildung kann man frei sein“, sagte José Martí, und dieses Konzept inspiriert die wirkungsvolle Bildungs- und Kulturarbeit der Revolution, die selbst unsere Feinde anerkennen.

Man sagt, die neuen Generationen lesen nicht mehr, digitale Netzwerke seien die Bücher von heute. Und diese Netzwerke sind voll von Inhalten, die den Idealen, die wir fördern wollen, widersprechen. Ich glaube, der Kommunistische Jugendverband (UJC) steht vor der Herausforderung, virtuelle und reale Netzwerke mit emanzipatorischen Botschaften zu nutzen, die junge Menschen vor allem inspirieren, unsere außergewöhnliche Geschichte zu lieben. 
Unsere Schulen, die die edle, wenn auch außerordentlich schwierige Aufgabe haben, tugendhafte Kubanerinnen und Kubaner zu formen, verfügen über wichtige Bücher wie *La Edad de Oro* für Kinder und Jugendliche und *Ese Sol del mundo moral* von Cintio Vitier für ältere Kinder. Ich spreche hier von zwei von Dutzenden Büchern, die die neuen Generationen kennen und lieben sollten. Die Herausforderung besteht darin, dies zu ermöglichen.“ 

– Ihre Botschaft an kubanische Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene von heute?


- Meine Botschaft an alle lautet: Lernt, lernt, lernt. Wie Che Guevara seinen Kindern schrieb: ‚Lernt fleißig, damit ihr die Technologie beherrscht, die euch ermöglicht die Natur zu beherrschen. Vergesst nicht, dass die Revolution das wichtigste ist und dass jeder von uns allein nichts wert ist. Vor allem aber: Seid stets fähig, jedes Unrecht, das irgendjemandem irgendwo auf der Welt widerfährt, mit zu empfinden. Das ist die schönste Eigenschaft eines Revolutionärs.‘
Viele Jahre sind vergangen, doch dieser Brief ist meiner Meinung nach immer noch die kürzeste und umfassendste Botschaft, die ein Revolutionär seinen Kindern mitgeben 

Photo: Juventud Rebelde
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