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Pechfackelzug 2018 (Foto: Ariel Cecilio Lemus)

An einem strahlend hellen Sonntag Mitte des 19. Jahrhunderts ging der kleine José Martí an der Hand seines Vaters durch die Straßen Havannas. Die kubanische Dichterin Fina García Marruz beschrieb jenen Nachmittag in einem berühmten Essay:

„Das Licht ist golden und reif, wie eine Orange aus Valencia, die Lust weckt, sie zu essen (…) Zwischen der Glut und dem Licht der Stunde weht eine leichte Inselbrise, liebkosend wie ein Geschenk der Mutter. Nur der Alte und das Kind scheinen diesen unschuldigen Spaziergang zu genießen“, beschwört Fina dieses Bild herauf.

Die Autorin stellt sich Martí in der baumbestandenen Allee von Paula vor, wie er die Seitenstraßen hinuntergeht, „wo das Licht sich nicht mehr ausdehnt, sondern sich zu verdichten und zu verfestigen scheint“. Das Barrio, in dem er geboren wurde, war eines von den 16, in die das koloniale Havanna aufgeteilt war, gut geschützt durch seine Mauern und seine fünf kanonenstarrenden Festungen, die das Meer bedrohten.

Wahrscheinlich auf diesen Straßen sah er „zwei Soldaten gehen, gefolgt von käuflichen Damen”. Außerdem “einen armen Gentleman mit Flicken auf dem Jackett, eine übergewichtigen Lebensmittelhändler an der Tür zur Bodega, umringt von einigen Freiwilligen, und eine kreolische Mutter mit Geschenken und Bändern“, die verhindern will, dass ihr Sohn „mit einem Negerjungen spielt“.

Pechfackelzug 2018 (Foto: Ariel Cecilio Lemus)

Und das Kind Martí hörte auf, seinen Spaziergang im Licht des Nachmittags zwischen den kolonialen Häusern zu genießen. In seinem blassen kreolischen Gesicht zeichnete sich „unterdrückte Wut“ ab, heißt es bei Fina. Sie wusste, dass ihm Kuba in der Seele weh tat wegen seines „unbezwinglichen Aufbegehrens“ gegen „jedes kleinste Anzeichen von Unrecht oder Knechtschaft“. Seine Kindheit war der Schlüssel für die Bestimmung im Leben des Helden.

Die Straßen, die ihn aufwachsen sahen, die von der Dichterin ins Gedächtnis gerufenen und – mehr als anderthalb Jahrhunderte später – die heutigen werden jenen Jungen nie vergessen, dessen Angedenken die Geschichte Kubas erleuchtet. Deswegen durchquerten am Samstag, dem Vorabend des 28. Januar 1853, tausende Kubaner mit Pechfackeln wie „eine Armee des Lichts“ die Insel.

Auf dem Fackelzug, der sich jedes Jahr wiederholt, gingen die Jugendlichen dicht an dicht mit den Vertretern der Jahrhundertgeneration, jenen, die vor 65 Jahren den Pechfackelzug ins Leben riefen, die Monate später die Moncada-Kaserne angriffen, die wenige Jahre danach aus der „Granma“ stiegen und sich an die Spitze einer triumphalen Revolution setzten, die die Träume des Apostels von der Unabhängigkeit Kubas Wirklichkeit werden ließen.  

Pechfackelzug 2018 (Foto: Ariel Cecilio Lemus)

Armeegeneral Raúl Castro Ruz führte die Wallfahrt in Havanna an und er wirkte glücklich in einer Menge, die „Ich bin Fidel“ skandierte, das Lied „Mi historia crecerá“ der Gruppe Moncada intonierte, Fackeln oder die Lichter ihrer Mobiltelefone in den Himmel reckten, die Selfies machten, lachten und sich an den Händen fassten.

Behütet von Pechfackeln und durch den Anstand seines Volkes, erinnerte sich Kuba der Geburt jenes Kindes, mit dem es lernte, nicht zu zögern, gegen „jedes kleinste Anzeichen von Unrecht oder Knechtschaft“ vorzugehen und das, kurz bevor es für die Unabhängigkeit seines Vaterlandes sein Leben ließ, die Worte schrieb: „Nur das Licht kann sich mit meiner Glückseligkeit messen.“