OFFIZIELLES ORGAN DES ZENTRALKOMITEESDER KOMMUNISTISCHEN PARTEI KUBAS

Am Wochenende durfte Aníbal als Strafe nicht aus dem Haus; sein DOTA Equipment, Videospiel auf dem Kampfplatz für mehrere Spieler, verlor eine entscheidende Schlacht beim Turnier im Viertel. Seit einigen Monaten stand er am Samstag morgens früh auf, machte sein Zimmer sauber, um sich gut mit seiner Mutter zu stellen und verließ dann das Haus mit dem Laptop im Rucksack in Richtung des Hauses, in dem die Jugendlichen des Viertels jenen Wettbewerb organisiert hatten. Nach jenem Tag wurde es notwendig eine andere Lösung zu finden: So durfte man keine Schlacht mehr verlieren.

Jetzt ist Aníbal 15 Jahre alt, fährt Skateboard und hat einige Freundinnen. Seit einiger Zeit schon stellt der Hausarrest kein Problem mehr für ihn dar – zumindest nicht, was das samstägliche Turnier angeht – denn seine Freunde haben ihn an das SNET angeschlossen, das Netz der Straße, und von seinem Zimmer aus kann er nun mit etwas Hardware und einige mehr oder weniger versteckten Kabeln im Netz spielen.

WIE SICH DIE KUBANER VERBINDEN

Von Verbindungen und Trennungen mit dem Netz zu sprechen, ist in Kuba zur Mode geworden. Auch wenn es für niemanden ein Geheimnis ist, dass der Zugang zum Internet gesamtgesellschaftlich gesehen sich noch auf niedriegem Niveau befindet, so haben die Kubaner doch seltsame und unglaubliche Alternativen geschaffen, die es ihnen ermöglichen, auf Informationen zuzugreifen und untereinander in Verbindung zu treten. Wenn mitten auf einem Boulevard in Sancti Spiritus eine Cafeteria Internet anbiete, langsam zwar, aber gratis; wenn Imía, ein Dörfchen in Guatanamo, das, wo Kuba fast zu Ende ist, pünktlich jede Woche das „Paket der Woche“ erhält, dessen Legalität zwar zweifelhaft ist, das aber in irgendeiner Form dort den Lebensrhythmus bestimmt. Wenn Aníbal, wie so viele andere kubanische Jugendliche sich mit einem alternativen Intranet verbinden, das es ihm erlaubt im Netz zu spielen, zu chatten, an Foren teilzunehmen und sich ganz allgemein zu informieren; wenn die Zahl der Stellen, an denen Etecsa Wifi eingerichtet hat immer weiter bis zu der Zahl 369 angewachsen ist, dann muss man feststellen, dass offensichtlich die Art, wie wir miteinander in Verbindung treten, einem Prozess der Veränderung unterliegt.

Nach Aussage des Nationalen Büros für Statistik und Information (ONEI) gab es im Jahr 2015 in Kuba 3 912 600 gemeldete Internetbenutzer, etwa 34,8% der Bevölkerung des Landes.

Diese Daten beinhalten sowohl die Internetverbindungen als Nutzer des e-mail Verkehrs als auch die des nationalen Surfens. In der 90er Jahren entstanden nämlich in Kuba eine Reihe von Plattformen mit Intranetservice und nationalem Mailverkehr, die in geringerem Ausmaß an Fachpersonal der Sektoren, die für die Entwicklung des Land als prioritär angesehen wurden, vergeben wurden. Das waren z.B. die ersten Jahre Infomed für Ärzte und Cubarte für Künstler.

Über die nationalen Netze hinaus ist es logisch davon auszugehen, dass mit dem Anstieg der beliebten Wifi Zonen und anderen Formen des Internetzugangs, die Zahl der Nutzer in den letzten Jahren zugenommen hat. Faktisch spricht Etecsa aktuell von über einer Million ständiger Nauta Konten, 410.000 Verbindungen täglich und durchschnittlich etwa 250.000 Nutzern pro Tag.

Wir können jedoch vermuten, dass es viel mehr sind. Auch wenn Etecsa die vorher erwähnten Zahlen nennt, kann man, wenn man durch irgendeinen mit Wifi ausgestatteten Park des Landes spaziert, feststellen, dass viele Personen Verbindungen miteinander teilen, indem sie Apps wie Connectify benutzen, die es verschiedenen Usern erlauben, das gleiche Konto zu nutzen. Es gibt außerdem einige Leute, die Geld damit verdienen, indem sie illegalerweise Internetzugang wiederverkaufen, zwar langsam, aber billig.

Inzwischen kündigt Etecsa neue Leistungen und Wachstum an: Mehr öffentlich Plätze mit Wifi, 38.000 neue Kapazitäten für die Dienstleistung Nauta Heim und die Internetverbindung über mobile Telefone mit 3G Ausstattung sind nur einige der Ziele für dieses Jahr.

In jedem Fall beginnt der Kubaner, zwar mit Einschränkungen und in seinem eigenen Rhythmus, auch das wirliche Internet zu bevölkern. Auch wenn es keine genauen Statistiken gibt, denn facebook hat sie nicht veröffentlicht, ist der Einfluss dieses sozialen Netzes als beliebtestes auf der Insel, offensichtlich und nach und nach wird ein Standardnutzer geformt, der in irgendeinen Park geht, um IMO zu nutzen und mit seiner Familie zu sprechen, während er gleichzeitig schnell sein Profil in zwei oder drei Netzen überprüft.

Trotzdem ist das wirklich Kuriose der Geschichte der Internetverbindung und –trennung in Kuba die konstante Suche nach Alternativen, die, auch wenn man damit nicht ins Internet kommt, so doch eine andere Art von Netzen und eine informelle Aufnahme von Informationen erreicht.

So kommt es, dass ein App wie Zaya, das mobile Telefone oder ein anderes Gerät mit Wifi verbindet und es ermöglicht, an Archive zu gelangen, in einem Land beliebt wird, das erklärtermaßen 4 Millionen mobile Telefonlinien aufweist und eine Prognose für 500.00 weitere für das Jahr 2017 hat. Das ist ein Beweis dafür, dass im Land mindestens diese Anzahl an mobilen Telefonen existiert, neben anderen Geräten, die nicht notwendigerweise eine Linie haben müssen, aber wohl andere Möglichkeiten sich zu verbinden. Hinzu kommt eine Liste von etwa 60 in Kuba entstandenen Apps, die mehrheitlich von unabhängigen Fachleuten geschaffen wurde, wie aus einer Studie der Union der Informatiker Kubas (UIC) hervorgeht.

Parallel dazu sprießen im ganzen Land informale nicht auf Gesetze gestützte Netze hervor, die von Jugendlichen selbst verwaltet werden und eine riesige Liste von Dienstleistungen anbieten, angefangen von Spielen im Netz, aber auch Chaträume, File transfer Protocol (ftp), Radiokanäle mit Disc Jockeys, Musikstreaming live, Seiten zum Downloaden von Apps für operative Systeme wie Android oder iOS und Foren für Erfinder und Ingenieure, die bei der Konzeption der Navigationsprogramme behilflich sind.

Inzwischen haben die Kubaner über den informellen Konsum von Videos über USB Zugang zu jedweder Art von Produkten: erfolgreiche Sendungen des nationalen Fernsehens mit Filmen und ausländischen Serien, Nachrichten, aus YouTube heruntergeladene Videos, Spiele aus verschiedenen Ligen, Sport etc. Es haben sich Verteilungsnetze wie das schon erwähnte „Paket“ und „La Mochila“ (der Rucksack) entwickelt, letzteres von den Joven Clubs ausgehend.

Über die Formen der Interntverbindungen in Kuba müsste noch viel gesagt werden. Man kann wohl davon ausgehen, dass sie sich verändern, entwickeln und dass sogar einige neue entstehen. Die hohe akademische und kulturelle Ausbildung der Kubaner ermöglicht es ihnen immer wieder auf der Suche nach Innovationen nach Anpassungen und Alternativen vorzunehmen, auch wenn diese nicht immer legal sind. Sie verändern die von ihnen selbst, ausgehend von den informellen sozialen Netzen, geschaffenen online und offline Räume, Dienstleistungen und Apps immer weiter. Vielleicht ist dies der beste Beweis, dass die Kubaner angesichts eines prinzipiell widrigen technologischen Kontexts, so die Möglichkeit haben in eine Informationsgesellschaft einzutreten, die viele Jahre lang exklusiv der globalisierten Welt zu gehören schien.