OFFIZIELLES ORGAN DES ZENTRALKOMITEESDER KOMMUNISTISCHEN PARTEI KUBAS
Autor Volker Hermsdorf (Mitte) Moderator Jörg Rückmann (links) und Dolmetscher Jesús Irsula während der Buchpräsentation Photo: tomada de Cubasí

Um 10 Uhr am Vormittag öffnet die Buchmesse ihre Tore und um 10 Uhr begann auch die erste Buchpräsentation des Tages im Alejo Carpentier Saal. Trotz der relativ frühen Stunde und der Tatsache, dass ein Buch vorgestellt werden sollte, das bis jetzt nur in deutscher Sprache existiert, füllte sich der Saal bald. Das im Wiljo Heinen Verlag erschienene Buch ist das Ergebnis von Gesprächen, die über viele Monate zwischen dem Journalisten Volker Hermsdorf und Hans Modrow stattfanden.

Volker Hermsdorf will damit die reichhaltigen und langjährigen Kenntnisse einer Persönlichkeit wie Hans Modrow, der wohl der deutsche Politiker mit den längsten und differenziertesten Kuba-Erfahrungen ist, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.

Man wählte die Form des Interviews, weil diese ihnen am besten geeignet schien, „die unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen zweier Zeitzeugen aus verschiedenen Generationen und den beiden deutschen Staaten der deutschen Nachkriegsgeschichte zusammenzubringen“. Die Form des Interviews wurde auch gewählt, um das Buch auf der Buchmesse vorzustellen.

Jörg Rückmann von Cuba Sí stellte die entsprechenden Fragen, Volker Hermsdorf beantwortete sie und Jesús Irsula, mit dem Modrow eine langjährige Freundschaft verbindet, übersetzte sie. Die erste Frage lautete etwas provokativ: Braucht Kuba ein deutsches Buch über Kuba? Was Kuba ganz sicher nicht brauche, das seien Ratschläge von deutscher Seite, denn wenn man dort wüsste, wie Sozialismus geht, dann gäbe es die DDR noch.

Natürlich kam die Sprache schnell auf die Unterschiede zwischen der DDR und Kuba. Modrow weist in dem Buch darauf hin, dass die DDR als Besatzungsgebiet begonnen und die Sowjetunion Elemente des eigenen Sozialismusmodells auf sie übertragen habe. Das sozialistische Kuba aber sei immer souverän gewesen und nie in eine solche Abhängigkeit geraten. Auch sei der revolutionäre Prozess immer von der großen Mehrheit des Volkes unterstützt worden.

Modrow sei nach 45 Jahren immer noch beeindruckt davon, wie Fidel am 26. Juli 1970 bekanntgab, dass man das gesteckte Ziel, 10 Millionen Tonnen Zuckerrohr zu ernten, nicht erreicht habe und er die Verantwortung dafür übernahm. Wie er das Volk lobte, dass es Übermenschliches geleistet habe, während die Leitung und er selbst versagt hätten. Zum Schluss habe er die Vertrauensfrage gestellt. Als die Leute ihm applaudierten, hätten sie ihn damit unterstützt.

Dieses Gefühl der Gemeinsamkeit zwischen Volk und Regierung und diese Art, sich des Vertrauens der Bevölkerung zu versichern, habe es in der DDR nicht gegeben. Dies habe nicht ihrem Verständnis von Politik entsprochen. Das Volk in der DDR habe außerdem einen zunehmenden Unterschied zwischen der in den Medien verbreiteten Realität und der von ihm gelebten festgestellt.

Auch in der DDR habe man bemerkt, dass man eine starke ökonomische Basis brauche und Walter Ulbricht habe versucht, diese anhand des Neuen Ökonomischen Systems NÖS zu schaffen. Teile des NÖS hätten eine Ähnlichkeit mit den Leitlinien gehabt, wie sie in Kuba vom 6. Parteitag verabschiedet wurden.

Sie hätten aber nicht den Beifall der Sowjetunion gefunden und seien von Erich Honecker auch nicht weiter verfolgt worden. Im weiteren Verlauf kam die Sprache auf das Verhältnis der europäischen Staaten zu Kuba.

Dsogenannte „gemeinsame Standpunkt“, nach dem die Europäische Union gegenüber Kuba nur mit einer Stimme sprechen (bzw. eher nicht sprechen) darf, werde immer mehr aufgeweicht. Das könne man daran sehen, dass immer mehr Außenminister europäischer Staaten Kuba besuchten und überhaupt die ausländischen Gäste sich derzeit in Kuba die Klinke in die Hand drückten.

Zum großen Bedauern der Autoren gehört die Bundesrepublik Deutschland nicht zu denjenigen, die ihre Beziehungen zu Kuba einer Prüfung unterzogen haben. Dabei müsste Deutschland bei diesem Prozess in der ersten Reihe stehen. Schließlich sei Kuba ein „Global Player“geworden, nicht in wirtschaftlicher, aber sehr wohl in politischer Hinsicht.

Diese politische Macht Kubas könne man daran erkennen, dass der Präsident des mächtigsten Landes der Erde zeitgleich mit dem Präsidenten Kubas eine Ansprache gehalten habe, in der unter anderem die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Ländern angekündigt wurde, wie dies am 17. Dezember letzten Jahres geschehen ist.

Das unterstreiche eindrucksvoll, welchen Stellenwert Kuba einnehme, welch tragende Rolle es im Prozess der lateinamerikansichen Einheit spiele. Die letzte Frage lautete, ob denn Europa etwas von Kuba lernen könne.

Volker Hermsdorf machte deutlich, dass Hans Modrow das Buch für deutsche Leser geschrieben habe, auch wenn er es gern in Kuba veröffentlicht sehen würde. Er sprach von der teils dramatischen Situation in Europa, wo wie z.B in Spanien, die Hälfte aller Jugendlichen keine Aussicht auf einen Arbeitsplatz hat, von einem Europa mit immer weiter anwachsendem Sozialabbau und immer höheren Selbstmordraten.

Das Lernen sei sicherlich wechselseitig, jeder könne von den Erfahrungen des anderen profitieren. Am Ende der Veranstaltung gab der Vertreter des Instituts für Völkerfreundschaft (ICAP), Maikel Veloz der Hoffnung Ausdruck, dass das Buch bald in spanischer Sprache dem kubanischen Leser zur Verfügung stehe, damit Hans Modrow es dann bei der nächsten Buchmesse in Havanna vorstellen kann.

Eine gewisse Problematik bei dieser eigentlich rundum gelungenen Veranstaltung bestand darin, dass der Interviewer seine Fragen Modrows Buch betreffend nur an Volker Hermsdorf richten konnte und bei dessen Anworten nicht immer trennungsscharf klar wurde, wann Volker als er selber sprach und wann als Sprachrohr von Hans Modrow. Da jedoch zwischen beiden großes Einvernehmen herrscht, ist dieser Einwand vielleicht zu vernachlässigen.